Uneingerichtet

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Uneingerichtet ist eine neue Wohnung, ist man in einer neuen Partnerschaft und der Beziehung zum Neugeborenen, in einer überraschenden Gesprächssituation, in neuen Freundschaften und Arbeitsstätten. Uneingerichtetsein ist ein Normalzustand auf Reisen und auf der Flucht. Das nomadische Leben ist stellenweise uneingerichtet. Uneingerichtet war auch die Moderne, zunächst, in der Architektur ikonisch abgebildet in Hannes Meyers Coop-Zimmer. Man kann finanziell uneingerichtet sein, neue Gerätschaften sind uneingerichtet und der Geist kann uneingerichtet sein, beschäftigt man sich mit einem unbekannten Thema. Das Neue ist gemeinhin etwas Uneingerichtetes, aber auch Altes kann uneingerichtet bleiben, hält man Dinge in der Schwebe. Das Uneingerichtete kann ein Bewusstseinszustand sein, beabsichtigt oder nicht. Mit dem Uneingerichteten verbindet sich die Improvisation als notwendiger Handlungsspielraum und ebenso das Prekäre, in positivem wie negativem Sinne. Das Uneingerichtete ist von Offenheit geprägt, seine Ränder sind porös. Uneingerichtetheit bringt Freiheiten, aber auch Zwänge mit sich. Im Uneingerichtetsein ist das Hinterfragen von Bedürfnissen, nach Haben oder Sein, der Status quo. Sicherheiten gibt es uneingerichtet kaum; vielleicht jene einer stets erhöhten Wachsamkeit und eines möglichen Aufbruchs ad hoc. In diesem Sinne gehören Möbel und Vorratshaltung, Konten und Versicherungen, Rentenfonds und Erbschaften, Fahrradhelme und Theaterabonnements sowie Vereinsmitgliedschaften und unbefristete Arbeitsverträge zur Kategorie der Einrichtungsgegenstände.

Zuerst erschienen in: Das Föhtong, Nr. 3, März 2024