Corona and the Climate Crisis

Architektur / Architekturtheorie / Corona / EU / Europa / Exzerpt / Klimakrise / Publikation / Utopie / Zitat

Currently, the world is in the middle of a decisive turning point, and so is Europe and the EU (Assmann, 2018; Fischer, 2019). The time is ripe for a reflection and revision of dysfunctional political structures on the European level, not least for the sake of the survival of our planet Earth. It seems the climate crisis is merely acknowledged, but only ineffectually addressed, because the capitalist system as a whole would have to be rethought in order to combat the problem with real effectiveness — and this touches upon issues of redistribution of power structures not only in the EU but in the entire world (Mason, 2015; Lessenich, 2016). SARS-CoV-2 can also be understood as a sub-crisis of the climate crisis, i.e. symptomatic of a weakened ecosystem (Bernstein, 2019; UNEP, 2020). It is a great challenge to make the post-pandemic reconstruction process socially just and ecologically sustainable, and it is only conceivable in connection with climate protection and justice (Martin, 2020). Rapid social change is of the utmost climatic urgency. [And architecture can contribute.]

Excerpt: Meireis, S. (2021) European Architectures in the Age of Climate Change. In (forthcoming): Ardeth #7: Europe. Architecture, Infrastructure, Territory.

Digitale Ortlosigkeit

Alltag / Corona

Das Umherirren in fremden Gebäuden, z. B. um zu einem Seminarraum zu eilen, fand in den letzten Monaten ein jähes Ende. Heute geht es zur richtigen Zeit (via Link) zum richtigen virtuellen Raum, den man sich in den 1990er Jahren noch weitaus aufregender, weniger dröge-pragmatisch vorgestellt hatte. Digitale Räumlichkeiten tun sich derzeit viele auf, z. B. für interne Besprechungen und Seminare, öffentliche Gesprächsrunden, Organisationsmeetings mit dem Verein oder Treffen mit Freunden und Bekannten am Abend. Man muss sich nicht mehr in die Atmosphäre eines Ortes oder die anfängliche Stimmung in einem Raum hineinspüren, sondern sich lediglich über die unterschiedlichen User Interfaces informieren: Wie läßt sich das Mikrofon, die Web-Cam oder das Teilen des Bildschirms steuern, welche zusätzlichen Plugins kann man einsetzen? Die Unsicherheit geht von der Technik aus, Spielertypen haben es dieser Tage leichter. Die Realität reduziert sich auf den eigenen Schreibtisch, den immergleichen mit Menschenantlitzen gekachelten Monitor. Die allgemeine Organisation läuft weiter, es wird geplant, besprochen, verhandelt, vorsichtig terminiert; alles mit einem Wunsch nach Besserung, nur welcher? Vielleicht begegnet man sich im Sommer in München, vielleicht aber auch nur online oder doch ein Hybrid-Format? Immer Plan B, C, D schon im Hinterkopf, zeitlich und konzeptionell.

Es gibt zur Zeit ein Überangebot virtueller Veranstaltungen. Man könnte den Tag nahtlos damit zubringen der Online-Präsenz mitteilungsbedürftiger Menschen zuzuhören und zuzusehen. Nie war das Bildungsangebot so horizontal, nie war meine Lust darauf so gering. Die öffentlichen Gesprächsreihen sind so vielzählig, dass es mir positiv auffällt, wenn eine Institution sich in Enthaltung übt und sich nicht zu Wort meldet, d.h. die gewonnene Zeit möglicherweise zur Reflexion nutzt, um der post-Corona-Phase mit frischem Geist zu begegnen. Wahrzunehmen ist bereits eine neue Offenheit bzw. Durchlässigkeit des Diskurses, insbesondere gegenüber neuen Formaten (online und offline), aber auch gegenüber der Infragestellung des eigenen Tuns und dem Wille zur experimentellen Zusammenarbeit. Ich hege die Hoffnung, dass in dieser Phase des Rückzugs viele Dinge im privaten bzw. nicht-öffentlichen Raum sich entwickeln und entstehen, utopische Hoffnungen geschult werden, die die post-Corona-Kultur prägen können. Die Welt könnte eine andere werden. Es ist eine Zeit des Mutes, in der man tun sollte, wozu man sich berufen fühlt, im Kleinen wie im Großen. Wenn die Energien nicht in Organisationsfragen (Familie, Arbeit, Gesundheit) abgeflossen sind, werden sie vielleicht genutzt, um vieles, was vorher schon nicht funktioniert hat umzubauen. Ob es ein Danach überhaupt geben wird, in der der aufgestaute Lebenshunger sich bahnbrechen kann, bleibt abzuwarten.

Architektur und Mensch

Architektur / Zitat

Die Architektur ist so vielgestaltig wie der Mensch. Gleich und anders. Zum Lemma “Architektur” (Kritisches Wörterbuch, Merve Verlag, 2005 [Frz. 1929]) schreibt Georges Bataille:

Die Architektur ist der Ausdruck des Wesens der Gesellschaften, in der gleichen Weise, wie das menschliche Gesicht der Ausdruck des Wesens der Individuen ist. Dieser Vergleich gilt jedoch vor allem in bezug auf die Physiognomie von Amtspersonen (Prälaten, Richter, Admiräle). In der Tat, nur das Ideale Wesen der Gesellschaft, dasjenige, das mit Gewalt gebietet und verbietet, drückt sich in den eigentlichen baulichen Kompositionen aus. So erheben sich die großen bedeutenden Bauwerke wie Deiche und setzen allen trüben Elementen die Logik der Hoheit und der Gewalt entgegen: In der Form von Kathedralen und Palästen richten sich Kirche und Staat an die Vielheiten und zwingen diesen Ruhe auf. In der Tat ist offensichtlich, daß die Monumente die soziale Weisheit und häufig selbst eine echte Angst anregen. Die Erstürmung der Bastille ist ein Sinnbild für diese Lage der Dinge: Es ist schwierig, diese Massenbewegung anders zu erklären, als durch die Feindseligkeit des Volkes gegen die Bauwerke, die seine wahren Gebieter sind.

[…]

Im übrigen ist es offensichtlich, daß die dem Stein aufgezwungene mathematische Anordnung nichts anderes darstellt als die Vollendung einer Entwicklung der irdischen Formen, denen in der biologischen Ordnung durch den Übergang von der affenähnlichen zur menschlichen Form, die bereits alle Elemente der Architektur darbietet, Sinn zukommt. Die Menschen bilden im morphologischen Prozeß offenbar lediglich eine mittlere Etappe zwischen den Affen und den großen Gebäuden. Die Formen sind zunehmend statisch geworden, zunehmend herrschend. Eigentlich ist die menschliche Ordnung von Anbeginn mit der architekturalen Ordnung innerlich verbunden, wobei diese nichts anderes als die Fortentwicklung jener ist. Wenn man die Architektur verantworklich macht, deren gewaltige Erzeugnisse gegenwärtig die wahren Herren auf der ganzen Erde sind und in ihrem Schatten die unterwürfigen Massen zusammenfassen, Bewunderung und Erstaunen einflößen, Ordnung und Zwang durchsetzen, dann macht man in gewisser Weise den Menschen verantwortlich. Ein ganzes irdisches Treiben, und zweifelsohne das glänzendste in der Geisteswelt, bewegt sich übrigens gegenwärtig in diese Richtung und prangert die Unzulänglichkeit der menschlichen Vorherrschaft an: So seltsam dies angesichts einer so eleganten Schöpfung wie des menschlichen Wesens scheinen mag, auf diese Weise öffnet sich ein […] Weg zur viehischen Abscheulichkeit; als ob es keine anderen Aussichten gäbe, der architekturalen Galeere zu entrinnen.

Über Neujahrsvorsätze

Alltag / Fragen / Kommentar

Ein Jahreswechsel regt zur Reflexion an. Der Monat Januar entlehnt seinen Namen dem Gott Janus, dem Zwei-gesichtigen, der gleichermaßen zurück wie nach vorne schaut bzw. sich ambivalent oder gar doppelmoralisch verhält.

Neujahrsvorsätze haben meistens etwas mit “im Leben aufräumen” zu tun. Aufräumen läßt sich – je nach Dringlichkeit – Diverses: Körper und Wohnung, Geist und Gedanken, Bedürfnisse und Wünsche, Beziehungen zu Menschen und Verhältnisse zu Dingen, politische Ideologien und gesellschaftliche Vorurteile, persönliche Arbeitsweisen und Karrierebestrebungen, das Chaos digitaler und analoger Archive — man könnte das alles mal neu sortieren. Dann oder wann. Aber warum genau jetzt? Ist Veränderung – um ein Klischee zu bemühen – nicht das einzig Beständige in dieser Welt?

Die Idee von Neujahrsvorsätzen war mir immer schon schleierhaft, gar fremd, d. h. ich stehe ihr generell skeptisch gegenüber. Weshalb sollte man sich im neuen Jahr – psychoanalytisch betrachtet – anders als im Jahr zuvor verhalten (müssen/können)? Das Jahr wechselt. Aber ich bleibe. Der Mensch bleibt. Menschen bleiben wie sie sind. Sind gar gute Absichten eine christliche Erfindung, die den vermeintlichen Weg zum Himmel pflastern bzw. eher den zur Hölle, weil man sie programmatisch bricht?

Mikro-Utopien der Architektur

Absichtserklärung / Alltag / Architektur / Architekturtheorie / Ästhetik / Berlin / Dissertation / Politik / Postmoderne / Publikation / Spätmoderne / transcriptVerlag / TU Berlin

OUT NOW//GERADE ERSCHIENEN — pünktlich zum Ausklang eines wahrlich ver-rückten Jahres! In diesem Buch stecken unzählbar viele Stunden hingebungsvoller Arbeit über Jahre hinweg, alles für einen hoffnungsvollen Blick auf die Welt und ja, auch auf die Architektur. Und jetzt, sehr große Freude! Kauft das Buch und unterstützt mich oder ladet es herunter und unterstützt die Idee!

Sandra Meireis

Mikro-Utopien der Architektur

Das utopische Moment architektonischer Minimaltechniken

Nachdem die Utopie mit dem Eintritt in die »Postmoderne« ab 1968 allmählich in Verruf geriet, zeigt sich in den gegenwärtigen kulturellen Diskursen ihre Rückkehr. Der Tief- und Wendepunkt dieser Entwicklung wird vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989/91 markiert. Sandra Meireis stellt für das architektonische Feld die zentrale Hypothese auf, dass sich eine Wiederkehr der Utopie in Form pluraler Mikro-Utopien beobachten lässt. Darüber hinaus zeigt sie auf, dass die Utopie als geschichtsphilosophisches Modell gesellschaftlichen Wandlungen unterliegt und mithin die spätmoderne Tendenz der kulturellen Partikularität reflektiert.

Über das Schreiben

Alltag / Liste / Literatur / Schreiben

Das Schreiben ist ein Mythos. Es gibt ganze Abhandlungen über erste und letzte Sätze in der Literatur, Bücher über die Schreibgewohnheiten von Autor*innen und Schriftsteller*innen, etc. Schreiben findet meist dann bzw. an jenen Stellen statt, die ungeklärte Fragen aufwerfen, zu denen der*die Schreibende ambivalent steht, die bisweilen weh tun … genau dort, wo Klarheit Not tut, um weiter und weiter und weiter denken zu können. Auch dem akademischen Schreiben würde es gut tun, wenn das mal explizit zur Sprache käme, d. h. als lebendiger Alltagsumstand wahr- und ernstgenommen würde.

Gerade wenn man beim Schreiben (bedingt) autodidaktisch vorgeht, machen Schreibhilfen bzw. Abhandlungen zu und über die „richtige Wahl“ der geschriebenen Sprache Sinn; dazu eine (persönliche) Liste von Klassikern und neuen Büchern zu und über das Schreiben:

Becker, Howard S. (2000 [Engl. 1986]) Die Kunst des professionellen Schreibens. Ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Campus, Frankfurt/M.

Benjamin, Walter (2019 [zuerst 1916]) Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. Hrsg. v. Fred Lönker. Reclam, Stuttgart

Cahn, Miriam (2019) Das zornige Schreiben. Hatje Cantz, Stuttgart

Dörrie, Doris (2019) Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes, Zürich

Eco, Umberto (1998 [Ital. 1977]) Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. UTB, C.F.Müller, Heidelberg

Engel, Eduard (2016 [zuerst 1911]) Deutsche Stilkunst. 2 Bde. Die Andere Bibliothek, Berlin

Glotz, Peter u. Langenbucher, Wolfgang (1969) Der mißachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse. Reinhard Fischer, München

Goldberg, Natalie (2010 [1986]) Writing Down the Bones. Freeing the Writer Within. Shambhala, Boston/Mass.

Gümüsay, Kübra (2020) Sprache und Sein. Hanser, Berlin

King, Stephen (2000) On Writing. A Memoir of the Craft. Hodder & Stoughton, London/UK

Kittler, Friedrich, Kojève, Alexandre u. Strauss, Leo (2009) Die Kunst des Schreibens. Hrsg. v. Andreas Hiepko. Merve, Berlin

Kleist, Heinrich von (1805) Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Projekt Gutenberg

Maar, Michael (2020) Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Miller, Norbert (Hrsg.) (1965) Romananfänge. Versuch zu einer Poetik des Romans. Literarisches Colloquium, Berlin

Ortheil, Hanns-Josef (2017) Mit dem Schreiben anfangen. Fingerübungen des kreativen Schreibens. Duden, Berlin

Orwell, George (1946) Politics and the English Language. The Orwell Foundation

Pfaller, Robert (2020) Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form. Fischer, Frankfurt/M.

Preiwuß, Kerstin (2019) Das Komma und das Und. Eine Liebeserklärung an die Sprache. Duden, Berlin

Reiners, Ludwig (2011 [zuerst 1951]) Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch. DTV, München

Schlie, Tania (2019) Wo Frauen ihre Bücher schreiben. Thiele & Brandstätter, Wien

Schneider, Wolf (2001 [zuerst 1984]) Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. Goldmann, München

Schopenhauer, Arthur (2003 [zuerst 1913]) Ueber Schriftstellerei und Stil. Alexander Verlag, Berlin

Sklovskij, Viktor (1916) Die Kunst als Verfahren, S. 3-35. In: Jurij Striedter (Hrsg.) (1971) Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. Fink, München

Sontag, Susan u. Rieff, David (2013) Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke: Tagebücher 1964-1980. Hanser, München

Stein, Sol (2015 [Engl. 1995]) Über das Schreiben. Autorenhaus, Berlin

Strunk Jr., William (2018 [zuerst 1918]) The Elements of Style. Spectrum Ink Publishing

Svenungsson, Jan (2012) Ein Künstler-Text-Buch. Edition Angewandte. Springer, Wien

Textor, A.M. (2014 [zuerst 1962]) Sag es treffender. Das Synonym-Wörterbuch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Williams, Joseph M. (2015 [zuerst 1981]) Style: Ten Lessons in Clarity and Grace. Pearson, London/UK

Der zarte Osten

Berlin / Gegenwart / Gesellschaft / Ostdeutschland / Politik / Westdeutschland

Den deutschen Osten erlebe ich seit jeher aus bundesrepublikanischer Perspektive. Aufgewachsen bin ich am “anderen Ende” der Luftbrücke, d. h. nahe bei Wiesbaden. Meine ersten Erinnerungen sind sprachlicher Natur. Meine hessische Großmutter raunte hin und wieder, dass sie ein Paket für die Ostzone schnüre oder dass bald Besuch aus jener Zone komme. Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll … diese nebulös umschriebene Zone im Osten. Welche Zone, welcher Osten überhaupt? Erklärt wurde es mir nicht, aber auch nicht aktiv verschwiegen. Jedenfalls meine ich, Erklärungen gingen in der Banalität des Alltags unter, auch schlicht deshalb, weil es keine einfachen Antworten auf die kindlichen Fragen gab. Der Westen war der Westen. Der Osten war der Osten. Weshalb sollte man sich aufreiben? USA, die demokratischen Freunde. UdSSR, die kommunistischen Gegenspieler. Kalter Krieg halt. So einfach war die Realität in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Lagerdenken, was hat man als Kind damit zu tun? Als die Mauer fiel wurde ich gerade neun Jahre alt.

Mitte der 1990er schien mir meine Generation, nein die ganze Gesellschaft, unerträglich unpolitisch, dabei stand damals schon Einiges zu befürchten. Ich war politisch aufgewühlt, jedenfalls musikalisch. Die Bands meiner Wahl sangen von toten Wäldern, saurem Regen, verseuchten Flüssen, über das Ozonloch, über eine ökonomisch bald verspielte Zukunft und auch über die strukturell (nicht de-)installierten Nazis … aber ja, irgendwie interessierte das Niemanden so recht. Die Dinge gingen ihren Gang.

Und nun? Ich bin seit fast 10 Jahren im deutschen Osten, genauer gesagt in Berlin (City West), lebe im roten Wedding und arbeite im bürgerlichen Charlottenburg. Herrje. Berliner Freiheitlichkeit, immer noch. Vor einer ganzen Weile hatte ich mich mal in einen Mann verliebt, der in Chemnitz (ehemals: Karl-Marx-Stadt) aufgewachsen ist; ein typischer Ossi, so seine Selbstbeschreibung. Jener Mann hielt mir, als wir noch Kontakt hatten, des Öfteren meinen akademischen, feministisch-überformten Salon-Marxismus vor. Jetzt haben wir keinen Kontakt mehr und die Sinnhaftigkeit eines freudo-marxistischen Denkens konnte ich ihm bis dahin auch nicht näherbringen. Ich bin im Kapitalismus, nicht im Sozialismus aufgewachsen. Und ja, ich verstehe die Unterschiede und damit einhergehende biographische Prägungen, eine grundsätzlich regimekritische Haltung (bisweilen an Verfolgungswahn grenzend) mittlerweile besser und immer besser. Kommunismus ist für mich auch nur noch eine abstrakte, akademisch-romantische Zielvorgabe.

Ich ahne die Enttäuschungen, die Emotionen, die das Verschwinden eines Staates, eines Gesellschaftssystems mit sich bringt. Ich lese, um zu verstehen, aktuelle Reflexionen, zugegebenermaßen Spiegel-Bestseller, z. B. Bücher von Lutz Seiler oder Greta Taubert … all jene, durch die sich DDR-Prägungen erschließen lassen. Auch berührt mich Monika Maron und die Aufregung um ihren (stellenweise nachvollziehbaren) Rausschmiss aus dem Fischer Verlag … sprich die Diskussionen und Konsequenzen von streitbaren politisch-ästhetischen Annäherungen. Dabei immer Verletzungen durch die Dominanz der westdeutschen Arroganz im Hinterkopf. Biographien verneinen ist einfacher (und auch von schlichterem Gemüt) als sich Wahrheiten zu stellen, auch wenn sie unbequem sind, Ängste hervorrufen.

Ist das Demokratie, all jene mundtot zu machen, die eine andere Meinung haben? Aufgepasst: Cancel Culture — ein Vorwurf der Konservativen oder der Aufklärer, je nachdem. Ja? Ich zähle mich zum linken Mainstream. Komme aber immer mehr zur Überzeugung, dass auch das nicht unhinterfragt bleiben darf. Natürlich immer mit kritischem Geist. Ich wehre mich aktiv gegen alles Rechte, Faschistoide und Totalitäre, aber sollte man gerade dann nicht in der Lage sein, sich selbst zu hinterfragen, um dann im schlimmsten Falle, was man erwarten kann in den nächsten Jahren, wach zu sein, um sich mit denen zu verbünden, die sich, im besten Sinne ihres historisch-kritischen Intellekts gewahr sind?!

Es ist, auch gerade aus deutscher Perspektive, ein hochgradig sensibles Thema. Wach bleiben. Wir müssen wach bleiben. Aber wer sind wir? Deutschland, der Westen ist, kann man behaupten, eine US-amerikanische Erfindung! Ich denke auch, dass man vieles von den östlichen Bundesländern lernen kann, z. B. trotz kultureller Sinnsuche bei den Dingen zu bleiben, individuelle Authentizität, und vor allem (zwischen-)menschliche Zartheit.

Ich kann nachvollziehen, weshalb der ost-sozialisierte Mensch den west-sozialisierten Menschen stellenweise als kaum erträglich empfindet, denn seine spätkapitalistische Brutalität ist bisweilen nicht auszuhalten. Die übergriffige Performanz um den Willen der Selbstdarstellung ist oberflächlich. Manchmal erlebe ich mich gar selbst aus dieser Perspektive. Erlebe mich als dominant, über Sensibilitäten hinwegbügelnd, situativ vorlaut, verkaufs- und medienaffin; ein Antimodell zu genuiner Lebensfreude und zwischenmenschlicher Feinsinnigkeit. Jetzt habe ich mich wieder verliebt, in ein Westberliner Mauerkind — ob das nun Zufall ist?

Der Osten fühlt sich wie der zeitgenössischere Teil Deutschlands an. Mit all seinen Widersprüchen, Schwierigkeiten, aber auch seinen Experimentierfreuden in noch existierenden Freiräumen, jung, offen, neugierig. Der Westen hingegen erscheint mir dagegen wie die alte Tante, die vor langer Zeit einen Pachtvertrag mit der Deutungshoheit der Gegenwart geschlossen hat, mürrisch, selbstverliebt, verschlossen und bisweilen allzu unflexibel, um wirkliche Veränderungen willkommen zu heißen.

Ob Polarisierung nun der richtige Weg ist, darüber lässt sich streiten.

Links und/oder Rechts

Literatur / Politik / Zeitgeschehen / Zitat

Zunächst einmal müssen wir zu verstehen versuchen, wie und warum es dazu kommt, dass die populären Klassen aus ihren Lebensumständen manchmal den Schluss ziehen, dass sie notwendigerweise der politischen Linken angehören, und manchmal, dass sie selbstverständlich zur politischen Rechten gehören. Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die wirtschaftliche Situation (global und lokal), der Wandel der Arbeitswelt und der sozialen Beziehungen, die sich aus der Arbeit ergeben, aber auch — und ich bin geneigt zu sagen: vor allem — die Art und Weise, wie politische Diskurse und diskursive Kategorien die Konstituierung als politisches Subjekt beeinflussen. Die Parteien spielen dabei eine wichtige, fundamentale Rolle […]. Auch deshalb ist so wichtig, den Parteien und ihren Führern zu misstrauen, die stets die Tendenz haben, die Hegemonie über das politische Leben und über die Entscheidung, wo die Grenzen des legitimen politischen Feldes zu ziehen sind, an sich zu reißen.

Wir stehen damit vor der Frage, wer das Recht hat, das Wort zu ergreifen, und wer auf welche Weise an welchen politischen Entscheidungsprozessen teilnimmt — und zwar nicht nur am Erarbeiten von Lösungen, sondern bereits bei der kollektiven Diskussion darüber, welche Themen überhaupt legitim und wichtig sind und daher in Angriff genommen werden sollten. Wenn die Linke sich als unfähig erweist, einen Resonanzraum zu organisieren, wo solche Fragen diskutiert und wo die Sehnsüchte und Energien investiert werden können, dann ziehen Rechte und Rechtsradikale diese Sehnsüchte und Energien auf sich.

Das ist also die Aufgabe, vor der kritische Intellektuelle stehen: Es gilt, einen theoretischen Rahmen und eine politische Sichtweise auf die Realität zu konstruieren, die es erlauben, jene negativen Leidenschaften, die in der Gesellschaft insgesamt und insbesondere in den populären zirkulieren, zwar nicht auszumerzen — denn es wäre unmöglich —, aber doch weitgehend zu neutralisieren; Theorien und Sichtweisen, die neue Perspektiven erschließen und der Linken einen Weg in die Zukunft weisen, in der sie ihren Namen wieder verdient.

Didier Eribon (2016 [Frz. 2009]) Rückkehr nach Reims. Suhrkamp, Berlin, S. 144-147.

Europäisches Bauhaus oder zur Kulturalisierung von Politik

Architektur / Bauhaus / EU / Green Deal / Klimawandel / Kritik / Zitat

Die derzeitige Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen verkündete kürzlich ein neues Europäisches Bauhaus. Das klingt, grob besehen, erst einmal gut und klug; kritischen Geistern verlangt es jedoch lediglich ein müdes Lächeln ab.

In einem digitalen Faltblatt der EU Kommission ist zu lesen: Das neue Europäische Bauhaus wird die praktische Umsetzung des europäischen Grünen Deals vorantreiben — auf attraktive, innovative Weise, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit den Grundsätzen Nachhaltigkeit, Inklusivität und Ästhetik soll es den Menschen den europäischen Grünen Deal näherbringen. Jeder sollte den ökologischen Wandel sehen, fühlen und erfahren können. […] Erste Welle ab 2021, Zweite Welle 2023. {In der englischen Fassung des Factsheets klingt das deutlich besser. Anm. d. Verf.}

Auch der dänische Architekt Bjarke Ingels (BIG) will nichts weniger als den Planeten am “Zeichenbrett” retten: A unified and planet-wide approach is crucial, he believes, and architects, rather than politicians or activists, have the skills and knowledge to put together a working plan.

Das herbe Gerücht einer Weltrettung durch Architektur kursiert schon sehr lange. Bereits in den 1970er Jahren auf den Punkt gebracht, z. B. von Lucius Burckhardt:

Der Glaube, dass durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung. Die Umwelten der Menschen sind nur zu einem geringen Teil sichtbar und Gegenstand formaler Gestaltung; zu weit größerem Teil aber bestehen sie aus organisatorischen und institutionellen Faktoren. Diese zu verändern ist eine politische Aufgabe.

Philipp Oswalt äußerte in einem Gespräch dazu jüngst berechtigte Kritik: Die Verantwortungsübertragung auf die Architekt*innenschaft enthebt die Politik aus ihrer eigentlichen Funktion. Der kritische Zusammenhang von Ästhetik und Politik wird in dieser offensiven Kulturalisierungstendenz von Politik evident. Die Postmoderne lässt grüßen und die sprachlose Ohnmacht der Politik in der Globalisierungsmoderne wird deutlich.

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ursula-von-der-leyen-ein-neues-europaeisches-europa-17006741.html
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/FS_20_1894
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/FS_20_1894
https://www.dezeen.com/2020/10/27/bjarke-ingels-big-masterplanet-climate-change-architecture-news/
https://time.com/collection/great-reset/5900743/bjarke-ingels-climate-change-architecture/
Lucius Burckhardt (1970) Design heisst Entwurf, nicht Gestalt! In: Ders. (2012) Design heisst Entwurf. Zwei Texte und vier Aquarelle mit einem Vorwort von Bazon Brock. Hrsg. v. Jesko Fezer, Oliver Gemballa, Matthias Görlich. Studienhefte. Problemorientiertes Design 3. Adocs Verlag, Hamburg, S. 9.

Birk und Ronja

Berlin / IMBR / Liebe / Literatur

Birk Borkason ist der Freund von Ronja Räubertochter, so geht eine der schönsten Geschichten von Astrid Lindgren. Nicht so fern von Romeo und Julia. Aber anders. Nicht bürgerlich. Entgegen dem Unbill schwedischer Wälder. Eine Liebesgeschichte, kindlich, tief, loyal und existenziell. Birk liebt Ronja. Ronja liebt Birk. Auf Zeit, aber bis dahin für immer!

Eure Geschichte, unsere Geschichten

Geschichte / IMBR / Literatur / um 1900 / Zitat

Geschichte heißt nicht nur: Handlung und Erfahrung, sondern auch: über vergangene Welt zu verfügen und sich als deren rechtmäßiger Erbe zu begreifen. Solches Bewußtsein hofft, dadurch seiner eigenen Geschichte mächtig zu werden — und es zu bleiben. Historisches Denken dieses Ursprungs begreift sich einem naiven Geschichtsbewußtsein gegenüber als überlegen jedoch gleichzeitig unterliegt es der Anstrengung, der Geschichte Vergängliches zu entreißen. Es ist, als wäre es die “Natur” der Geschichte, alles zu verschlingen, so, als gäbe es keine geschichtliche Kontinuität: Nichts bleibt übrig. Die “Geschichte” der Natur hat nach dieser Logik denselben Charakter. In solchem Denken ist die Vorstellung eingeschlossen, selbst nicht Geschichte zu machen, Autonomie historisch nicht zu kennen, wohl aber Gewalt. Es ist geschichtliches Resultat für die gesellschaftlich unterdrückten Klassen, keine Geschichte zu haben. Für das Bürgertum dieser Zeit bedeutet dies: Es hat, um die politische Herrschaft kämpfend, gegen das kulturelle Diktat des Feudalismus Geschichte und Geschichtsbewußstein als Produktivkraft zu entwickeln. Die Archivierung und vor allem die Auswertung geschichtlicher Überlieferung, d. h. das Sammeln und Bilden, das Vergleichen und Kategorisieren historischer Schätze, gehören zum Selbstverständnis einer wissenschaftlichen Geschichtsauffassung, wie sie im 19. Jahrhundert entsteht. Ziel einer sich nach solchen Kriterien organisierenden Geschichtswissenschaft ist es letztlich, den eroberten Reichtum nicht nur politisch und kulturell zur Schau, sondern auch der ökonomischen Verwertung zur Verfügung zu stellen.

Hartmut Vinçon (1991) Nachwort. Geschichten. In: Theodor Storm (1918/19 [1888]) Der Schimmelreiter. Goldmann, München, S. 117-118

 

Die ver(un)sicherte Gesellschaft

Alltag / Biopolitik / Corona / Fragen / Gegenwart / Gesellschaft / IMBR

Es wird Winter (in unseren Breitengraden). Jeder kleine Schnupfen, Husten, ein leichtes Kratzen im Hals, eine kaum erhöhte Temperatur (die man nicht wahrgenommen hätte, wäre man nicht alarmiert und zückte das kontrollierende Fieberthermometer), ein Anflug von ziependen Gliederschmerzen (oder ist es der Muskelkater vom gestrigen Laufen?), stellt uns gerade vor die Frage, ob es — statt der üblichen Erkältung im Übergang vom Spätsommer zum Herbst — Corona/Covid-19 sein könnte. Ist es eine Unter- oder Überschätzung der Situation? Und dann? Muss man umgehend einen Test in Erwägung ziehen? Ist die Entscheidung dafür bzw. dagegen ideologisch? Bietet die Maske relativen Schutz? Für sich selbst, für die anderen? Welche Verantwortung ist zu übernehmen? Mit wem kann man sich darüber austauschen? Die Furcht vor einem positiven Testergebnis schürt Ängste vor den Konsequenzen. Die Kette an Begegnungen, die zurückzuverfolgen wäre, die unbedingte Quarantänezeit, die damit einhergehende Stigmatisierung. Wir befinden uns mitten im Übergang vom Digital- zum Gesundheitszeitalter. Sie überschneiden und bedingen sich. Das körperliche Sein findet sich im Zentrum der gesellschaftlichen Debatte. All das ist höchst streitbar. Biopolitik at its best.

Berliner Speisekammer

Berlin / IMBR / Liebe / Literatur / um 1900 / Zitat

Im Spalt des kaum geöffneten Speiseschranks drang meine Hand wie ein Liebender durch die Nacht vor. War sie dann in der Finsternis zu Hause, tastete sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er’s küßt, sein Mädchen umarmt, hatte der Tastsinn mit ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre Süßigkeit kostete. Wie gab der Honig, gaben Haufen von Korinthen, gab sogar Reis sich schmeichelnd in die Hand. Wie leidenschaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem Löffel entronnen waren. […]

Walter Benjamin (seit 1932)
Die Speisekammer. In: Berliner Kindheit um 1900

Freiheit und Sicherheit

Corona / IMBR / Politik / Postmoderne

Es gibt kaum Etwas, was mich derzeit mehr umtreibt, auch durcheinander bringt und mit gedanklichem neu sortieren beschäftigt als die Auflösung alter (politischer) Gewissheiten. Damit bin ich natürlich nicht alleine. Freiheit (mithin Gleichberechtigung und Solidarität) war einst eine klassische Forderung der Linken, während die Konservativen traditionell bewahrend auf Sicherheit setzten. Nun, da sich alle vermeintlichen Gewissheiten umzudrehen scheinen, die Worte/Sprache (z. B. Querdenken) und Zeichen/Symbolik (z. B. Ästhetik der neuen Rechten, vgl. Daniel Hornuff) gekapert und umgedeutet werden, die extremen Ränder erstarken, die gesellschaftliche Mitte als linker Mainstream verstanden wird, gegen den der „unzufriedene Mob“ aufbegehrt (dagegen sein heißt heute rechts sein, vgl. Didier Eribon), die bürgerliche Idee dem Verfall preisgegeben ist und Esoterisches in die Nähe von Rechtspopulismus rückt, scheint sich das Verhältnis umzudrehen und das Sicherheitsbegehren den Linken zugeordnet werden zu können, während der Ruf nach Freiheit — gegen das demokratische Diktat 🤔 und die politische Korrektheit — von der rechten Seite her schallt.

In Zeiten von Covid-19 heißt es, laut Statistik, dass jede*r dritte Bundesbürger*in, Verschwörungsmythen (mit Theorien hat man es hier wahrlich nicht zu tun!) zugeneigt sei. Für mich liegt die Sache auf der Hand, d. h. egal von welcher Seite, Verschwörungserzähler*innen verweigern sich schlicht der Komplexität der Realität (und Wissenschaft). Dabei wird geraunt — in Abgrenzung zu den Anderen, also den Corona-Maßnahmen–Mitläufer*innen — selbst noch denken zu können (Mündigkeit) — aha! Ob streiten darüber hilft? Ich bleibe im Prozess und versuche meinen diskutierenden Blick noch ein bisschen zu schärfen.

Harry Gerlachs bunte Bauten

Architektur / Berlin / Farbe / Fassade / Stadtgestalt

Harry Gerlach war ein thüringischer Schriftsteller und Heimatforscher, findet man auf Wikipedia. Aber um den soll es hier nicht gehen. Sein Namensvetter — Harry Gerlach — ist ein Berliner Wohnungsunternehmer (und mutmaßlich im ersten Leben ein leidenschaftlicher Malermeister), der nach dem Zweiten Weltkrieg und vermutlich ebenfalls kurz nach der Wende zahlreiche Berliner Wohnblocks aufgekauft bzw. gebaut und mit unübersehbar bunten Fassadenanstrichen versehen hat. Die akuell unternehmensführenden Töchter beschreiben ihren Vater in einem Interview als “Zeitzeuge des Berliner Nachkriegsimmobilienmarkts […] [der] ihn aktiv mitgestaltet hat” (https://www.harry-gerlach.de/unternehmen/interview/).

Die quietschfidele Fassadengestaltung lässt auf einen kindlichen Spieltrieb in Folge der Nachkriegstristesse schließen, lässt sich aber auch als verhaltensauffällige Stadtgestaltung oder prä-postmoderne Verirrung — und ich schätze die Postmoderne generell sehr — beschreiben, die in diesem Fall jedoch jeglicher ästhetischen Empfindung entbehrt. Und es sind viele, über die gesamte Stadt verteilte, mehrstöckige Gebäudekomplexe, teils ganze Wohnblocks, mit jeweils prominenter Fassadenausrichtung. In Erinnerung bleiben vor allem die Farben sonnengelb, alarmorange, verkehrsblau, kirchentagsviolett und grasgrün. Pflegt man einen dehnbaren Begriff heterogener Stadtgestalt, verzeiht man ihm diesen kunterbunten architektonischen Aufschrei bzw. Marketinggag; teils inkl. Statements zum entsprechenden Kiez. Da ist jemand seinem persönlichen Auftrag gefolgt. Er muss gute Freund*innen in den zuständigen (damals vermutlich bereits) Westberliner Baubehörden gehabt haben.

Post Punk & Nu Jazz

Architektur / Musik / Stuttgart

Ohne Musik ist kein Leben vorstellbar, jedenfalls keines was es „wert“ wäre zu genießen. Musik befreit und befriedigt Urinstinkte. Wenn nichts mehr hilft, Musik kann retten. Tanzende Körper, singende Geister. Post Punk und Nu Jazz, aber auch Klassik Rock Independent Grunge Popmusik Soundtracks Neue Deutsche Welle HipHop Hippie Triphop indische Sitar Irish Folk Country Singersong Elektronik Punk Kraut Hardcore Reggae Dub Ska Schnulzen Tango Fado Blues Österreichisches Kabarett Orgel Kirchenmusik Chansons Trommeln Bläser Lagerfeuer Gitarre Gesang Oper Kastagnetten Mundtrommeln. Es wäre einfacher hier nach dem Ausschlussprinzip vorzugehen.

Musik ist auch lebensstrukturierend — sowohl in der Erinnerung an Vergangenes als auch in Impulsen für die Gegenwart. Eigene Mix-Tapes und jene wunderbar individualisierten Geschenke von Freund*innen — in Form von Kassetten, CDs oder MP3s — bewahre ich als autobiografisches Archivmaterial auf; einmal dahingestellt, ob man darauf zurückgreift oder nicht. Mein persönlicher Musikkosmos lässt sich grob als eine Mischung aus Post Punk und Nu Jazz beschreiben. Nicht, dass ich großartig Ahnung hätte von Musikgeschichte, -theorie oder sonstiger Einordnung von dem was da tagtäglich durch meine Stereo-Boxen schallt. Meine Erinnerung ist eklektisch-emotional, d. h. kaum reflektiert über das was dann oder wann kulturell irgendetwas bedeutete.

Mittlerweile bin ich — gänzlich unkritisch — großer Fan von Spotify, nachdem die einstmals gute Ordnung meines xyz-GB großen, digitalen Archivs — mit dem Systemwechsel von Microsoft (…) zu Apple (…) — ziemlich durcheinander geraten ist. Die undurchsichtige Eigenlogik neuer Audio-Softwares machte es mir zeitweise unmöglich noch Herrin über die eigene Musikauswahl zu bleiben. Das ist vor allem dann schwierig, wenn man sich nicht eingehend damit beschäftigt. Denn Musik braucht — neben ihrer existenziell liebsamen, hauptsächlich zerstreuenden Funktion — viel rationale Aufmerksamkeit.

Jeglicher Nu Jazz erinnert mich an die vielen (aus heutiger Perspektive unnötig) durchgearbeiteten Nächte in meinem Architekturstudium und an die wundervollen Menschen, die das mit mir geteilt und gehört haben. Außerdem klingt diese Musik in meinen Ohren mittlerweile wie die Leichtigkeit eines längst vergangenen Anfangs einer hoffnungsvollen, aber unbestimmten Zukunft. Im gegenwärtigen Zukunftszweifel bleibt mein gläsernes Herz dem zukünftigen Gegenwartszweifel treu.

Land of Nod (East of Eden, 2012)

Architekturtheorie / Berlin / Brache / Exzerpt / Fotografie / Fundstück / Grenze / London / MA Thesis / Warschau / Zitat

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Whenever a searching eye encounters barren land, it seeks for shelters that can provide potential sites for hiding and creation. Arid tree trunks become essential elements of orientation – relics of a life cycle on deserted soil. The Land of Nod is such a place in the Book of Genesis {4:16}, located on the ‘east of Eden’, where Cain chose to flee after murdering his brother Abel. There, as vagabond, he was condemned to wander the land forever. The location east of Eden is explicit and so named on biblical maps, such as Ortelius’ and Mercator’s. Historical representations of the Land of Nod usually show vast and vacant landscapes, where several paths lead in all directions, and entry points could be anywhere.

The Land of Nod is also an English idiom for the imaginary realm of sleep and dreams, followed, one assumes, by waking up. Only emerging from sleep makes a sleep what it is: a restless subconsciousness surrounded by a state of external quiescence, providing the mind with a protection for regeneration.

Both conceptions suggest that the potentiality of absence denotes the state of being away. Here, existence (being) becomes an implicit expectation, because it comes prior to presence (being there) as the necessary premise for the recognition of absence.

Fouriers Frauen

Feminismus / Kritische Theorie / Literatur / um 1800 / Utopie / Zitat

Die Stellung der Frau ist für Charles Fourier der Probierstein einer jeden Gesellschaftsordnung. Am Verhältnis der Geschlechter lasse sich das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zu seiner eigenen Natur ablesen. Darum sei das Maß der Befreiung der Frau das Maß menschlicher Emanzipation.

Elisabeth Lenk (1966) Einleitung. Charles Fourier (Frz. 1808) Theorie der vier Bewegungen u. der allgemeinen Bestimmungen. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M., S. 29