K-Gruppen, damals und heute

Klimakrise / Zeitgeschehen

Lauscht man Berichten und Erzählungen über die studentischen Revolten um 1968, dann stolpert man immer wieder über das Entstehen und die Formation unzähliger K-Gruppen. Aus heutiger Sicht ein undurchsichtiger Dschungel verschiedenster Ausprägungen kommunistischer Interessengruppen, Kreise, Parteien, Vereine, Zusammenschlüsse, etc., die je unterschiedlich organisiert, fokussiert, politisch und/oder kulturell aktiv waren.

Heute gibt es eine neue Bandbreite an K-Gruppen und zwar jene der großen Klimabewegung. Ähnlich vielfältig organisiert, fokussiert, politisch und/oder kulturell aktiv(istisch). Die Aufregung u.a. über die kulinarischen Attacken der Letzten Generation auf höchst wertvolle Gemälde lässt sich damit relativieren. Sinnvoll oder nicht (postkoloniale Kritik an der europäischen Kulturgeschichte / TikTokisieruung von Protest), ist es aber eines von vielen möglichen Ventilen der Ohnmacht gegenüber den Ungeschicken der Macht (Profit over People), die keine wirklich ernsthaften Hebel in Bewegung setzt, um die Katastrophe abzuwenden, Ausdruck zu verleihen. Der gesellschaftliche Aufschrei gegenüber friedlich gestimmtem, zivilem Ungehorsam scheint einfacher und lauter von statten zu gehen als die Empörung gegenüber der gewaltsam fortgeführten globalen Ungleichheitspolitik und fehlenden Solidarität. Ist die Frage, wie weit darf Klimaprotest gehen, nicht falsch gestellt?

Die großen Schauen

Architektur / Documenta / Kunst / Manifesta / Uncategorized

Manifesta 14 (Prishtina) und Documenta fifteen (Kassel): Beide gehen auffallend sensibel mit den Räumen für die Kunst oder besser: mit der Auswahl der Werke entsprechend den Räumlichkeiten um. Das ist stark. Das ist durchaus Konzept. Das gelingt. Für beide Schauen hatte ich in diesem Sommer jeweils nur einen Tag reserviert, allzu wenig Zeit, aber genug, um festzustellen, dass Kunst- und Architekturwelten zunehmend verschmelzen, mindestens im Sinne des Betrachters. Es sind gerade die Räume des Alltäglichen, die sich besonders gut für die Kunst anbieten. Nicht der spektakuläre Raum, sondern der beiläufige, ja unaufdringliche, jener der thematisch sich anbietet und Ausblicke schafft, Fenster in die Gegenwart. Und doch jene, die Atmosphäre schaffen, um zu Bleiben, fast immersiv die Kunst erleben lassen, ohne dass das Räumliche expliziert wird, lediglich vorgedacht, sorgsam ausgewählt, die Kunst sich anschmiegen lässt, sie hochsensibel umschließt. Das gilt für Malerei ebenso wie für Skulptur und Installation, Lyrik und Musik. Die Autonomie der Kunst gewinnt an Kraft durch ihre Einbindung ins Leben.

Utopie, und jetzt? Utopie!

Utopie / Zitat

Ist ein Zustand realisiert, welcher der Utopie entsprechen soll, so straft die Idee der Utopie ihre eigene Verwirklichung gleichsam wieder Lügen und treibt von selbst über ihre vermeintliche Realisation hinaus. Die Utopie ist also, richtig verstanden, immer die dialektische Einheit von Materie und Geist: die in sich gespannte Einheit ihrer materiellen, praktischen Verwirklichung und ihrer niemals zu verwirklichenden Idee, die immer schon dabei ist, als ein niemals einzuholendes Korrektiv die Wirklichkeit der Utopie auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Genau das ist es was im Realsozialismus einfachhin über Bord geworfen worden ist. […]

Man braucht jedenfalls handfeste Ziele, konkrete Träume und zündende Ideen, wenn man eine Utopie in die Tat umsetzen will; aber es gibt kein Endziel, eine Utopie gibt sich mit ihrer Realisierung nicht zufrieden, sie wirft sofort neue Fragen auf, sie sucht nach neuen Lösungen, und in jeder Epoche tritt sie neu und voller Elan auf. Sie bleibt die stärkste Kraft der Erneuerung, da sie vielseitig, flexibel und holistisch agiert und nie starr einer einzigen Ideologie und Politik folgt.

Artur Becker (2022) Links. Ende und Anfang einer Utopie. Westend Verlag, Frankfurt/M., S. 74-75

MEDIENECHO “Mikro-Utopien der Architektur”

Architekturtheorie / transcriptVerlag / Mikro-Utopie / Architekturgeschichte / Rezension / Buch

»Dass [in dieser Arbeit] vor allem die Aufforderung mitschwingt, die niemals vollendete Utopiegeschichte in kleinsten, plural verfassten, auf Toleranz zielenden und das Politische reanimierenden Raumgeschichten weiterzuschreiben, das ist möglicherweise der Gewinn einer Lesereise, die nicht nur den Historiker fasziniert.«

Benedikt Kraft, Deutsche Bauzeitschrift, 3 (2022)

»Die angenehm übersichtliche Länge des Buchs ist durch eine enorme Informationsdichte erkauft, die in manchen Fällen eine hohe Kenntnis voraussetzt, aber dafür eben auch den Lesenden mit vielen neuen Erkenntnissen und Einsichten belohnt, die sich gerade auch deshalb als anregend erweisen, als es sich seit Erscheinen des Buchs zunehmend als drängend erwiesen hat, andere Formen des Zusammenlebens zu erproben und zu ermöglichen.«

Christian Holl, http://www.marlowes.de, 02.05.2022

»Selbst die schwierigsten Kapitel zur Ideengeschichte und den Grundlagen des Utopiediskurses meistert Meireis vorbildlich. Sie hat ein ernsthaftes Anliegen und möchte dieses auch für Laien verständlich machen. So gelingt Architektur denken auf höchstem Niveau!«

Uwe Bresan, AIT, 1-2 (2022)

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5197-3/mikro-utopien-der-architektur/?c=311000186

Baukunst und Alltagsbau: Ideologisches Gegensatzpaar oder Komplementärnarrativ der Architekturgeschichte?

Alltag / Architektur / Architekturgeschichte / Architekturtheorie / Baukunst / BTU / Symposium / Vortrag

Die Zeitschrift Wolkenkuckucksheim lädt anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens zu einem Symposium ein. Dessen Thema sind zwei Spannungsverhältnisse, über die in der Architekturtheorie seit Anbeginn implizit oder explizit diskutiert wird: die Diskussion über das Verhältnis von Alltag und Baukunst sowie von Ding und Raum. Die Themen werden bewusst antagonistisch gegenübergestellt, um die Diskussion zu befördern. Eingerahmt durch zwei Keynote-Vorträgen von Eduard Führ und Arno Lederer werden acht Impulsvorträge zu den zwei Spannungsverhältnissen gehalten. Es gibt in zwei Podiumsgesprächen und einem Roundtable ausreichend Zeit für Diskussionen. Das Symposium findet in Präsenz in Cottbus statt, zugleich wird das Symposium als Livestream veröffentlicht.

Programm: http://www.cloud-cuckoo.net

Ort der Präsenzveranstaltung: Hörsaal A, Zentrales Hörsaalgebäude, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, Platz der Deutschen Einheit 1, 03046 Cottbus

Link zum Livestream: http://www.cloud-cuckoo.net/symposium-livestream

Anmeldung per E-Mail an: symposium@cloud-cuckoo.net

Veranstalter: Fachgebiet Kunstgeschichte, Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg und Wolkenkuckucksheim, Internationale Zeitschrift zur Theorie der Architektur

Miteinander sprechen

Berlin / L.H. / Psychoanalyse / Zitat

Mancher macht sich vielleicht Mut, indem er sich vor Augen hält, was er alles hat: seine früheren Erfolge, sein charmantes Wesen (oder seine Fähigkeit, andere einzuschüchtern, falls dies mehr Erfolg verspricht), seine gesellschaftliche Stellung, seine Beziehungen, sein Aussehen und seine Kleidung. Mit einem Wort, er veranschlagt im Geiste seinen Wert, und darauf gestützt bietet er nun im Gespräch seine Waren an. Wenn er dies sehr geschickt macht, wird er in der Tat viele Leute beeindrucken, obwohl dies nur zum Teil seinem Auftreten und weit mehr der mangelnden Urteilsfähigkeit der meisten Menschen zuzuschreiben ist. Der weniger Raffinierte wird mit seiner Darbietung nur geringes Interesse erwecken; er wird hölzern, unnatürlich und langweilig wirken.

Im Gegensatz dazu steht die Haltung des Menschen, der nichts vorbereitet und sich nicht aufplustert, sondern spontan und produktiv reagiert. Ein solcher Mensch vergißt sich selbst, sein Wissen, seine Position; sein Ich steht ihm nicht im Wege; und aus genau diesem Grund kann er sich voll auf den anderen und dessen Ideen einstellen. Er gebiert neue Ideen weil er nichts festzuhalten trachtet. Während sich der “Habenmensch” auf das verläßt, was er hat, vertraut der “Seinsmensch” auf die Tatsache, daß er ist, daß er lebendig ist und daß etwas Neues entstehen wird, wenn er nur den Mut hat, loszulassen und zu antworten. Er wirkt im Gespräch lebendig, weil er sich selbst nicht durch ängstliches Pochen auf das, was er hat, erstickt. Seine Lebendigkeit ist ansteckend, und der andere kann dadurch häufig seine Egozentrik überwinden. Die Unterhaltung hört auf, ein Austausch von Waren (Information, Wissen, Status) zu sein, und wird zu einem Dialog, bei dem es keine Rolle mehr spielt, wer recht hat.

Erich Fromm (1980) Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 4. Auflage. dtv, München, S. 43

 

The Power of Sources in Architecture Research

abk— / Architektur / Architekturgeschichte / Architekturtheorie / BHT / Konferenz / NAW / TU Berlin / TU Darmstadt / Zeitgeschehen

Access to sources, knowledge, and information is going through fundamental changes as globalisation and digitalisation evolve. The same changes apply to the process of gaining new academic insights. As the amount of sources increases (as well as their diversity and general distribution), there are still fundamental differences in accessibility, depending on one’s geographic and economic position. What role do economic and social factors play in a researcher’s possibility to visit an archive, or simply to make due with a curated and digitalised selection of sources? In this conference, matters of usage, reception, archivisation, and hierarchical structure of sources are questioned. This also applies to architecture as a globalised and digitalised academic discipline and practice – an issue that architecture must address. The 8th Forum of Architectural Science will examine the power of sources in three thematic aspects: “Agency and Politics”, “Data and Media”, and “Canon and Episteme”.

Im Spiegelraum der Gesellschaft

Alltag / Corona / Gesellschaft

Der Wegfall des gesellschaftlichen und v. a. öffentlichen Lebens in den vergangenen zwei Jahren führte u. a. dazu, dass Begegnungen nur noch unter speziellen Bedingungen stattfanden und man infolgedessen gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen wurde. Außerhalb des eigenen Kreises, also innerhalb der Familie, unter Freund:innen, auf der Arbeit, fand Austausch nur sehr begrenzt oder gar nicht mehr statt und all das auf der Basis von Angst, Misstrauen und Kontrolle. Im Prinzip wurde der außermedialen Öffentlichkeit ihr Boden entzogen.

Beispielhaft eignet sich der gemeinsame Tanz (physisch und mental) gut dafür herauszufinden, welche Rolle man in der jeweiligen Gemeinschaft/Gesellschaft einnimmt oder zugeschrieben bekommt, wie die anderen dazu positioniert sind und welche Auswirkungen das auf alle Beteiligten hat. Das lässt sich nur im physischen Raum erfahren, den man gemeinsam bespielt und ggf. umsteuert — eben im Spiegelraum der Gesellschaft!

Über Urbane Praxis

Ausstellung / Berlin / Publikation / Urbane Praxis

ÜBER URBANE PRAXIS ist ein Projekt, das die Urbane Praxis (UP) in Berlin untersucht, vernetzt, aufzeigt und mit der ortsbezogenen UP am Haus der Statistik zusammenbringt — von und mit: Jennifer Aksu, Markus Bader, Nina Peters, Adolfo del Valle Neira, Raquel Gómez Delgado, Lorène Blanche Goesele, Sandra Meireis, Yves Mettler, Martin C. Welker

PUBLIKATION Redaktion: Markus Bader, Nina Peters, Lorène Blanche Goesele; Autor:innengemeinschaft: Sandra Meireis, Jennifer Aksu, Susanne Bosch, Markus Bader, Nina Peters, Lorène Blanche Goesele, Carla Schwarz, Anna Piccoli; Fotografien: Martin C. Welker, Raquel Gómez Delgado; Layout und Textsetzung: Zsuzsanna Ilijin, Lorène Blanche Goesele; Plakatgestaltung: Zsuzsanna Ilijin

Open Access: https://hausderstatistik.org/wp-content/uploads/2021/12/UeberUrbanePraxis_Dokumentation_digital-200dpi.pdf

Vitruv, damals und heute

abk— / Antike / Architekturgeschichte / Lehre / Zitat

Bereits mit De architectura wurde ein architekturtheoretisches Fundament errichtet, das sich auch aus späterer Sicht als erstaunlich stabil erweist. Selbstverständlich haben sich mit den Bauaufgaben und den Gesellschaftsordnungen die Bedingungen des Bauens und damit auch die speziellen Inhalte der Theorie grundlegend gewandelt. An die Stelle von Tempeln sind Bürohochhäuser als Leitsektor der Architektur getreten. Entworfen wird nicht mehr mit Ritzzeichungen auf Steinplatten, sondern mit computergestützten Bildverfahren. Und firmitas wird unter den Vorzeichen des Einsatzes von synthetischen Materialien auf Haltbarkeitszyklen begrenzt. Aber dessen ungeachtet bleiben Grundlinien des theoretischen Nachdenkens von Vitruv gültig. Dies gilt zunächst für die Theoriefähigkeit von Architektur als solcher. Es betrifft aber auch die […] geschichtlichen, sozialen, und ästhetischen Bedeutungen von Architektur. Und nicht zuletzt erweisen sich die drei Grundbegriffe Vitruvs als durchaus konstant. Denn wenn in einem modernen Verständnis für die Definition von Architektur die Kategorien von Material, Raum und Repräsentation aufgeboten werden, so zeichnet sich dahinter immer noch die keineswegs völlig ferngerückte Erinnerung an Vitruvs Trias von firmitas, utilitas und venustas ab.

Dietrich Erben (2017) Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München, S. 24-25

 

Architekturgeschichte im Studium

abk— / Architekturgeschichte / Architekturtheorie / Lehre

Die im Studium vermittelte Architekturgeschichte nimmt in/direkt Einfluss auf die architektonische und städtebauliche Praxis: auf das Denken, Entwerfen und Bauen der Architekturschaffenden und damit auf unseren Kultur- und Lebensraum. Die Erzählungen im Fach Architekturgeschichte bewegen sich meist zwischen Bau- und Alltagskunst. Mit Baukunst sind repräsentative Bauten gemeint, die den traditionell kunsthistorisch geprägten Kanon dominieren. Mit Alltagskunst sind Wohnbauten und andere Raumstrukturen gemeint, die im gegenwärtig v. a. soziologisch geprägten Diskurs von großem Interesse sind. Was und wie gebaut wird oder wer für wen baut schließt immer auch Machtfragen und -gefälle mit ein. Die Vermittlung von Architekturgeschichte ist demnach nicht in der selbstreferentiellen Vermittlung eines gegebenen Kanons zu suchen.

Um die gebaute und damit den Menschen prägende Umwelt lesen und verstehen zu können, bedarf es Vorkenntnissen. Erkenntnisse aus der Vergangenheit vermitteln uns Wissen und Werte für die Gegenwart, diese bilden die Grundlage und Bedingung für eine kritische und reflexive Zeitdiagnose, die dem praktischen Handeln vorausgeht. Für die Architekturpraxis ist die Architekturgeschichte also von eminent wichtiger Bedeutung, denn erst durch sie können komplexe gesellschaftliche Vorgänge und ihre Zusammenhänge nachvollzogen, untersucht, verstanden und letztlich verändert/verbessert werden. Ein Grund zur Beschäftigung mit Geschichte betrifft also die Befähigung zur Zukunftsgewandtheit. Die Architekturgeschichte und -theorie berührt damit auch den Entwurfsprozess von Architektur unmittelbar. In der Gestaltung von Architektur und Stadt werden die großen Fragen unserer Zeit aufgeworfen und es wollen Antworten gefunden oder zumindest soll ein Umgang damit versucht werden, wie z. B. Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung und nicht zuletzt der gerade erst begonnene Prozess der Dekolonialisierung. Architekturgeschichte ist m. E. auch nur im Dreiklang von Geschichte/Theorie/Kritik zu verstehen. Oder, vom Ende hergedacht: Lehre soll gute Architekt:innen hervorbringen … dazu bedarf es kritischen Geistern, die theoretische Grundlagen benötigen, wozu Geschichtskenntnisse nötig sind!

Verwandte Geschöpfe

abk— / Lehre / Literatur / Politik / Zeitgeschehen / Zitat

Kin (Verwandtschaft, Sippschaft) ist eine wilde Kategorie, die viele verschiedene Leute zu zähmen versucht. Sich auf eigensinnige Art verwandt zu machen anstatt, oder zumindest zusätzlich, mit der göttlichen, genealogischen und biogenetischen Familie, rührt wichtige Dinge auf; zum Beispiel die Frage, wem gegenüber man eigentlich verantwortlich ist. Wer lebt und wer stirbt auf welche Art und Weise in dieser Verwandtschaft und nicht in jener? Welche Gestalt hat diese Sippe, welche Orte und welche Kritter verbinden und trennen die Verwandtschaftslinien, und warum das Ganze? Was muss durchschnitten und was muss verknüpft werden, damit artenübergreifendes Gedeihen auf dieser Erde eine Chance hat; ein Gedeihen, das menschliche und anders-als-menschliche Wesen in die Verwandtschaft miteinschließt?

Donna J. Haraway (2018 [Engl. 2016]) Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Campus, Frankfurt/M., S. 10-11

Der Waschsalon

Alltag / Gesellschaft / Reisen

Waschsalons sind ausnahmslos, jedenfalls meiner Erfahrung nach, in der Erdgeschosszone von Wohn- oder Geschäftsgebäuden untergebracht, wenig prominent, aber in Stadtbezirken oft zentral gelegen. Ist man nicht darauf angewiesen, fallen sie im Straßenbild kaum auf. Und fallen sie doch mal ins Auge, fragt man sich, ob diese von zahlreichen Maschinen besiedelten Räume überhaupt genutzt werden. Ihre zurückhaltende Schaufensterfassade ist meist mit zeitlos funktionaler, oft in Blau- und Rottönen gestalteter Grafik versehen. Sie scheinen aus der Mode gefallen, obwohl das Wäschewaschen auch mit fortschreitender Digitalisierung vermutlich nicht verschwinden wird. Ist man jedoch wirklich mal auf sie angewiesen, sei es auf Reisen oder weil die eigene Waschmaschine vorübergehend streikt, werden diese vermeintlich verwaisten Räumlichkeiten plötzlich zu sehr lebendigen Orten und unersetzbar darüberhinaus. Man kommt hier schnell ins Gespräch, weil das Zusammenspiel von Bezahlautomat und Waschvorgang meist nicht, trotz Erklärtafel, selbsterklärend ist, die Münzen ohne Gegenleistung geschluckt werden, einer der vielen Knöpfe klemmt, das Waschpulver aus ist oder eine Absprache nötig wird, weil eine der begehrten Maschinen noch unbestimmt lange ihre Runden dreht, … jedenfalls verbringen die Nutzer:innen dort meist einige Zeit und tauschen sich notgedrungen aus.

Meine eigenen Erinnerungen sind über die Jahre des Erwachsenwerdens sporadisch verstreut. Eine einprägsame Erfahrung ereilte mich am Fuße der Zugspitze, wo ich, frisch umgezogen, erstmal keine Waschmaschine besaß, was mich mitten im Winter dann und wann dazu veranlasste, schwernasse Bündel Wäsche auf dem Fahrradgepäckträger durch, in meterhohen Schnee gefräste, dämmrige Straßenschneisen zu schieben; der Salon lag Richtung Ortsausgang, in der Rückschau nicht ganz ungefährlich. Eine andere Umzugs- und Wohnsituation führte mich zu einem Waschsalon in der Nähe des Hauptbahnhofs im Kessel der schwäbischen Landeshauptstadt. Diese eher kleine Aufenthalts- und Wärmekammer mit Café-Station ist besonders bei Durchreisenden und Obdachlosen beliebt, davon jedenfalls erzählten die sich stapelnden Rucksäcke. Weil ich mich in letzter Zeit häufiger darüber unterhalten habe, beeinflusst von meiner jüngsten Waschsalon-Erfahrung im Wedding, erfuhr ich, dass so mancher Waschsalon seine Bestimmung auch als beliebter Treffpunkt und Aufenthaltsort der Großstadt-Jugend findet, Party-Erinnerungen wurden im Gespräch wach. Es scheint also kein Zufall, dass NightWash, ein erfolgreiches Comedy-Nachwuchs TV-Format, seit langen Jahren in einem Kölner Waschsalon gedreht wird, denn in einem Waschsalon spielen sich gewöhnlich so banal wie inspirierend erzählenswerte Alltagsszenen ab, vor denen eigentlich fast niemand gefeit ist, oder?

Der Rebound-Effekt

Dystopie / Energieökonomie / Gegenwart / Kapitalismus / Klimakrise

Technische Innovationen sind oft faszinierend, zumeist fortschrittlich, manchmal sogar heilsbringend. Der Forschungsdrang von Wissenschaftler:innen, gepaart mit dem Innovationszwang der kapitalistischen Wirtschaftslogik, bringt technische Entwicklungen stetig hervor, die gesellschaftlich betrachtet oft hilfreich sind, mitunter aber sowohl ökonomisch instrumentalisiert, als in Folge auch von den Konsument:innen unhinterfragt angenommen werden, schlicht deshalb, weil es geht. Die Liste der Absurditäten ist lang und irrwitzig.

Eine mögliche Zusammenhanglosigkeit von technischer Innovation und tatsächlicher Nachhaltigkeit, d. h. gleichzeitig und gleichermaßen ökologisch, ökonomisch und sozial, lässt sich anhand des “Rebound-Effekts” erkennen. Eine kurze Definition lautet: Der Rebound-Effekt ist ein Anstieg des Energieverbrauchs aufgrund einer Effizienzsteigerung (Martin Achternicht, Simon Koesler, 2014, zit. nach https://de.m.wikipedia.org/wiki/Rebound-Effekt_(Ökonomie)). Das kann sich direkt oder indirekt zeigen. Es ist einer der am meisten unterschätzten Hindernisse auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaftsweise, so formuliert Maja Göpel in ihrem Buch “Unsere Welt neu denken. Eine Einladung” (2020: 99).

Um an dieser Stelle nicht tiefer in solch reichlich abstrakte energieökonomische Definitions- und Erklärungsversuche einzutauchen, aber dennoch die erstaunliche Karriere dieses Phänomens einzufangen, seien wenige griffige Beispiele angeführt:

Wenn der Automobilsektor sich so entwickelt hätte, wie die Industrie der Informatik, dann hätten wir heute Autos die 25 Dollar kosten und 500 km mit 1 Liter fahren würden (Bill Gates). Am Auto zeigt sich besonders gut, wie vielfältig der Rebound-Effekt wirkt. Es ist eines der Produkte, bei dem noch so gut wie jede Effizienzsteigerung auf irgendeiner Ebene wenigstens teilweise wieder aufgehoben wurde. Diese Aufhebung kann auf direkte Weise in der Nutzung geschehen. Etwa, wenn jemand, der sich ein benzinsparendes Auto gekauft hat, dieses Auto nun häufiger nutzt […]. Es kann auch auf indirekte Weise geschehen, indem sie [die Person] sich für das im Unterhalt gesparte Geld etwas leistet, das sie sich bisher nicht leisten konnte […]. Dasselbe gilt auch auf der Ebene der Produzenten. […] Ein ganz normaler VW Käfer verbrauchte Mitte der Fünfzigerjahre 7,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Als VW das Fahrzeug Ende der Neunzigerjahre als Beetle wieder auflegte, verbrauchte es fast genauso viel. Dabei lagen vierzig Jahre technische Entwicklung, Ingenieursarbeit und Effiziensstreben zwischen beiden Modellen. […] Was an geringerem Verbrauch möglich gewesen wäre, wurde für zusätzliche Leistungen ausgegeben. Energie wurde nicht eingespart, Material auch nicht, im Gegenteil […].

Dasselbe gilt für die Baubranche: Unsere Heizungen etwa sind sparsamer als jemals zuvor, die Gebäude wärmeisoliert, aber da der Raumbedarf pro Kopf immer weiter gestiegen ist […], sinkt der Energieaufwand eben trotzdem nicht. Und dasselbe gilt für unsere Elektrogeräte […] und das sogenannte Geo-Engeneering (Göpel, 2020: 105-109).

Übertragen lässt sich das Phänomen auch auf die Arbeitswelt, wie sonst wäre zu erklären, dass die Effizienzsteigerung der Digitalisierung die Menschen noch immer an den Standard einer 40-Stunden-Woche bindet?

European Architectures in the Age of Climate Change

Architektur / Architekturtheorie / Ästhetik / EU / Europa / Politik / Publikation

In: ARDETH #07 — EUROPE. ARCHITECTURE, INFRASTRUCTURE, TERRITORY. Politecnico di Torino, pp. 46-65. Online: http://www.ardeth.eu/magazines/europe/

Sandra Meireis

European Architectures in the Age of Climate Change

Abstract

As a reaction to worldwide calls for a change of the ecological consciousness, and a general overhaul of the global economic system, new movements and manifestos are emerging in connection with the construction industry, which is one of the sectors that can make a significant contribution to climate protection. In this article, European Architectures in the Age of Climate Change (EAACC) are being proposed as an idea that brings nature, society and architecture together, and has the potential to reshape the cities and regions of Europe into a cleaner and fairer tomorrow. A socially just, environmentally friendly, and economically productive Green New Deal (GND) implemented in the Urban Agenda of the European Union can pave the way for a sustainable urban and rural future Europe.

Zoom-Fatigue oder Mut zur Müdigkeit

Alltag

Müde bin ich, geh’ zur Ruh‘ … so beginnt ein traditionelles Gute Nacht-Gebet. Es ist das einzige, das ich heute noch auswendig kenne. Müde bin ich, heute aber aus anderen Gründen. Nicht der überhitzte Tag im Garten, auf der Straße, die vielen kindlichen Eindrücke tragen die überwältigende Müdigkeit in meine Knochen, die sich damals über Nacht ganz schnell wieder erholten. Müde bin ich, heute von der Gesellschaft und von einem zur Gewohnheit gewordenen Idealismus, den man besser in der späten Adoleszenz abstreift. Ein Schlaf, selbst tief, hilft nicht. Zwei auch nicht.

Ich frage mich, warum ich es nicht schaffe, das zu tun, was ich eigentlich tun wollte. Und dann frage ich mich, warum ich es auch nicht schaffe, das zu tun, was ich eigentlich nicht tun sollte, so Sylvia Plath in Die Glasglocke. All das ermüdet mich, während ich nur noch auf das kalte klare Wasser einer Küste im August hin fiebere.

Grenzräume & Übergangszeiten (1/2)

Forschung / Grenze / Literatur / Schreiben / Utopie

Die Grenze und der Übergang sind Phänomene, die mich schon seit einigen Jahren beschäftigen: das betrifft sowohl den physischen Raum als auch den historischen Zeithorizont. Die Grenze, der Rand, die Liminalität, die Übergangszone und die Zwischenwelt sind reichlich abstrakte Begriffe und bilden einen je höchst eigentümlichen Ort, an dem es möglich ist, einer anderen Macht zu begegnen, an dem man das Risiko läuft, sich zu verwandeln, von dem es schwierig ist zurückzukommen, so die Beschreibung der französischen Anthropologin Nastassja Martin in ihrem Buch “An das Wilde glauben” (2021: 116). Meine eigene Gegenwart ist durchdrungen von Fragen, die folgende Bereiche berühren (alphabetisch): Alter, Anarchie, Arbeit, Architektur, Bürgertum, Corona, Ethik, Europa, Familie, Feminismus, Gesellschaft, Herkunft, Kinder, Klasse, Krankheit, Kunst, Land, Moderne, Nation, Postmoderne, Sprache, Stadt, Werte … und all die dazugehörigen Unsicherheiten und Ungereimtheiten.

Die Beschäftigung mit Grenzräumen und Übergangszeiten manifestiert sich auch in meiner akademischen Arbeit. Bisher habe ich mich diesem Themenkomplex in Abschlussarbeiten und Seminaren gewidmet, habe mich damit auf Reisen beschäftigt und Alltagserfahrungen gesammelt. Manchmal mit der Fotokamera beobachtend, oft schreibend, immer interessiert am geografischen, kulturellen und spirituellen Grenzgang. Prominent wurde das auch theoretisiert von Georg Simmel (sozial-räumlich), Edmund Husserl (phänomenologisch), Marc Augé (anthropologisch), Gil M. Doron (geografisch), etc. Da wo das Eine auf das Andere stößt, geschehen meist unerwartete Dinge.

Das betrifft auch mein derzeitiges akademisches Schaffen: thematisch, methodisch und institutionell. In den letzten Jahren haben mich vor allem neue utopische Modelle in der Architektur beschäftigt. Die Publikation “Mikro-Utopien der Architektur” beschreitet nun ganz eigene Übergangs- und Grenzbereiche, die sich darin zeigen, dass über das Feld der Architekturforschung hinaus, transdisziplinäre Dialoge dazu angestoßen werden.

Die Lyrikerin Dorothee Elmiger beschreibt in ihrem in lyrischer Prosa verfassten Rechercheprotokoll “Aus der Zuckerfabrik” eine eindrückliche Passage über Ziegen, die mich dazu veranlasste den vorliegenden Post zu formulieren, denn sie fängt darin ein Phänomen ein, was mein derzeitiges Arbeitsgefühl gut beschreibt: Der Anfang einer neuen Recherche wirft mich ins Ungewisse. Der Wechsel von einem Denkkosmos in den anderen ist aufregend, schön und beunruhigend gleichermaßen.

Es gibt eine Episode aus meiner Kindheit […]: wie nämlich mein Vater als Forstadjunkt einmal zu einer Alp hochfuhr und mich […] mitgenommen hat. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich aus den Fenstern des weißen Jeeps vor allem die baumfreien Regionen, die felsigen Hänge vor dem trüben Himmel sah. Nach der Fahrt hoch zur Alp über die steil ansteigende Straße standen wir am Rand eines Bergsees, und während sich also mein Vater mit dem Landwirt unterhielt, der seine Tiere dort sömmerte, sah ich […] in einiger Distanze eine Ziege. […] Ihr weißes Fell leuchtete mir entgegen und natürlich wollte ich unbedingt in die Nähe dieser Ziege gelangen, ich wollte das Rätsel lösen, das die Ziege, die wie ein Phantom mitten in der Wiese stand, mir stellte, aber schon damals wusste ich natürlich, dass es unter Umständen nicht so einfach war, in ihre Nähe zu gelangen: Ich musste mich dem Tier empfehlen, ich musste eine Sprache für die Ziege finden, ich musste ihr zu verstehen geben, dass ich sie zwar betrachten, aber nicht töten wollte. Jedes Kind weiß von der Unberechenbarkeit, dem Eigensinn der Tiere. Oft entwischen sie im letzten Moment. Was ich sagen will: Wie ich damals dieser Ziege gegenüberstand, die nicht viel kleiner war als ich selbst, wie wir uns Aug in Aug gegenüberstanden, so hatte ich auch hier angefangen, mit diesen Überlegungen: Ich rechnete durchaus damit, dass alles fruchtlos bleiben würde. Aber? Aber kaum hatte ich, das Kind, also den Plan gefasst, mich der Ziege zuzuwenden, traten hinter dem Tier weitere Ziegen auf die Wiese, und zusammen setzten sie sich augenblicklich in Bewegung und kamen rasch auf mich zu, die ganze Herde des Bauern trabte in meine Richtung. Du kannst dir vorstellen, dass ich jubelte bei der Aussicht, dass die Ziegen so ganz freiwillig herkommen würden (…) sehr zielstrebig auf mich zusteuerten, das Kind, das kaum größer war als diese Ziegen. Sie umringten mich, drängten sich zu mir vor, die hinteren stellten sich auf die Hinterbeine, um mich so über die Köpfe der vorderen hinweg zu sehen. Ich erinnere mich an ihre kühlen, wässrigen Augen, lustige Augen, an ihre schmalen Köpfe und ihre hellen Nasen, mit denen sie mich anstießen, und dann an ihre Zungen, mit denen sie über meine Hände und mein Gesicht zu fahren begannen. Ich sehe genau, wie das Kind diese Geister, die es kurz zuvor noch rufen wollte, nun mit beiden Händen zu vertreiben versucht, wie es die zudringlichen Tiere, die sich so hemmungslos auf es stürzen, die es belagern, immer wieder von sich stößt. Der Vater und der Landwirt belustigt: Die Ziegen haben noch niemandem etwas zuleid getan. Aber dem Kind ist es zu viel, es sieht nur noch die Zungen und die Münder, die sich öffnen, es spürt die Körper der Ziegen an seinem eigenen Körper und die Klauen, mit denen sie ihm auf den Füßen rumstehen, und es beginnt laut zu weinen, und viel später noch, als es längst wieder auf dem Rücksitz des Autos sitzt, ist es immer noch erschöpft und fassungslos. So siehst du dich jetzt? Nur dass die Ziegen in diesem Fall nun körperlos sind. Wobei es doch stimmt, dass die Ziegen, wie dein Vater und der Bauer sagten, dass sie eigentlich ganz harmlos sind. Aber dieses Verlangen, mit der Ziege zu sprechen, die Ziege zu verstehen, das ist doch unter Umständen nicht ungefährlich.

Ich habe nun noch einmal länger darüber nachgedacht, was du über Ziegen gesagt hast. Und was mir dann eingefallen ist: Dass die berühmten Medien nach ihren Sitzungen jeweils eine Art Zusammenbruch erfahren und unter großer Erschöpfung leiden. Vor einigen Tagen, nachdem ich wochenlang im Libro de la vida von den Krankheiten und Ekstasen der heiligen Teresa gelesen und mir einen Reim darauf zu machen versucht hatte, begannen auf einmal meine Glieder sehr zu schmerzen oder vielmehr zu zittern, sodass ich tagelang kaum mehr aufstehen mochte. Ich schleppte mich in die Waschküche, und wenn es sein musste, ging ich einkaufen, das war alles, und meine Mutter meinte am Telefon, mir fehle es vielleicht an Eisen im Körper (…). Der Punkt ist, dass ich sehr spät erst dachte, wie lustig es doch sei, dass mich gerade jetzt, da ich mich mit den Ohnmachten und den Schmerzen der Heiligen beschäftigte, diese eigentlich grundlose Schwäche befallen hatte. Also ich glaube schon, dass wir uns eben in diesen Momenten außerhalb dessen bewegen, was wir verstehen, und dass das sehr anstrengend ist. Und wie dann, wenn zu viel von dem Medium verlangt wird, auf einen Schlag das Gespräch abbricht und das Medium niedersinkt, als hätte man ihm einen Stoß verpasst, das leuchtet mir ein. Im Wörterbuch heißt es ja auch, das Wort “ahnen” komme vom mittelhochdeutschen -mir, mich anet-: ‘Es kommt an mich heran’, d.h. ‘ich sehe voraus’. Das Kind ist so müde, weil ihm die Ziegen so nah gekommen sind (Elmiger, 2020: 182-185).

[gute Texte sind, und widerständig]

Hatte ich mich doch gerade im großen Denkkosmos der Utopie so gut eingerichtet … stehe ich nun vor einer Forschungsaufgabe, begleitet von einem weiteren universitären Institutionswechsel, den ich erneut als Übergangs- und Grenzsituationen erlebe. Das ist zwar abwechslungsreich, aber läßt mich dennoch so manches infrage stellen, z. B. ob das “wandernde Wissen” der Forschung langfristig zu Gute kommt.

Fortsetzung folgt (in: DAS FÖHTONG Nr. 2)