Im Spiegelraum der Gesellschaft

Alltag / Corona / Gesellschaft

Der Wegfall des gesellschaftlichen und v. a. öffentlichen Lebens in den vergangenen zwei Jahren führte u. a. dazu, dass Begegnungen nur noch unter speziellen Bedingungen stattfanden und man infolgedessen gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen wurde. Außerhalb des eigenen Kreises, also innerhalb der Familie, unter Freund:innen, auf der Arbeit, fand Austausch nur sehr begrenzt oder gar nicht mehr statt und all das auf der Basis von Angst, Misstrauen und Kontrolle. Im Prinzip wurde der außermedialen Öffentlichkeit ihr Boden entzogen.

Beispielhaft eignet sich der gemeinsame Tanz (physisch und mental) gut dafür herauszufinden, welche Rolle man in der jeweiligen Gemeinschaft/Gesellschaft einnimmt oder zugeschrieben bekommt, wie die anderen dazu positioniert sind und welche Auswirkungen das auf alle Beteiligten hat. Das lässt sich nur im physischen Raum erfahren, den man gemeinsam bespielt und ggf. umsteuert — eben im Spiegelraum der Gesellschaft!

Über Urbane Praxis

Publikation / Berlin / Urbane Praxis / Ausstellung

ÜBER URBANE PRAXIS ist ein Projekt, das die Urbane Praxis (UP) in Berlin untersucht, vernetzt, aufzeigt und mit der ortsbezogenen UP am Haus der Statistik zusammenbringt — von und mit: Jennifer Aksu, Markus Bader, Nina Peters, Adolfo del Valle Neira, Raquel Gómez Delgado, Lorène Blanche Goesele, Sandra Meireis, Yves Mettler, Martin C. Welker

PUBLIKATION Redaktion: Markus Bader, Nina Peters, Lorène Blanche Goesele; Autor:innengemeinschaft: Sandra Meireis, Jennifer Aksu, Susanne Bosch, Markus Bader, Nina Peters, Lorène Blanche Goesele, Carla Schwarz, Anna Piccoli; Fotografien: Martin C. Welker, Raquel Gómez Delgado; Layout und Textsetzung: Zsuzsanna Ilijin, Lorène Blanche Goesele; Plakatgestaltung: Zsuzsanna Ilijin

Open Access: https://hausderstatistik.org/wp-content/uploads/2021/12/UeberUrbanePraxis_Dokumentation_digital-200dpi.pdf

Vitruv, damals und heute

abk— / Antike / Architekturgeschichte / Lehre / Zitat

Bereits mit De architectura wurde ein architekturtheoretisches Fundament errichtet, das sich auch aus späterer Sicht als erstaunlich stabil erweist. Selbstverständlich haben sich mit den Bauaufgaben und den Gesellschaftsordnungen die Bedingungen des Bauens und damit auch die speziellen Inhalte der Theorie grundlegend gewandelt. An die Stelle von Tempeln sind Bürohochhäuser als Leitsektor der Architektur getreten. Entworfen wird nicht mehr mit Ritzzeichungen auf Steinplatten, sondern mit computergestützten Bildverfahren. Und firmitas wird unter den Vorzeichen des Einsatzes von synthetischen Materialien auf Haltbarkeitszyklen begrenzt. Aber dessen ungeachtet bleiben Grundlinien des theoretischen Nachdenkens von Vitruv gültig. Dies gilt zunächst für die Theoriefähigkeit von Architektur als solcher. Es betrifft aber auch die […] geschichtlichen, sozialen, und ästhetischen Bedeutungen von Architektur. Und nicht zuletzt erweisen sich die drei Grundbegriffe Vitruvs als durchaus konstant. Denn wenn in einem modernen Verständnis für die Definition von Architektur die Kategorien von Material, Raum und Repräsentation aufgeboten werden, so zeichnet sich dahinter immer noch die keineswegs völlig ferngerückte Erinnerung an Vitruvs Trias von firmitas, utilitas und venustas ab.

Dietrich Erben (2017) Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. C.H.Beck, München, S. 24-25

 

Architekturgeschichte im Studium

abk— / Architekturgeschichte / Architekturtheorie / Lehre

Die im Studium vermittelte Architekturgeschichte nimmt in/direkt Einfluss auf die architektonische und städtebauliche Praxis: auf das Denken, Entwerfen und Bauen der Architekturschaffenden und damit auf unseren Kultur- und Lebensraum. Die Erzählungen im Fach Architekturgeschichte bewegen sich meist zwischen Bau- und Alltagskunst. Mit Baukunst sind repräsentative Bauten gemeint, die den traditionell kunsthistorisch geprägten Kanon dominieren. Mit Alltagskunst sind Wohnbauten und andere Raumstrukturen gemeint, die im gegenwärtig v. a. soziologisch geprägten Diskurs von großem Interesse sind. Was und wie gebaut wird oder wer für wen baut schließt immer auch Machtfragen und -gefälle mit ein. Die Vermittlung von Architekturgeschichte ist demnach nicht in der selbstreferentiellen Vermittlung eines gegebenen Kanons zu suchen.

Um die gebaute und damit den Menschen prägende Umwelt lesen und verstehen zu können, bedarf es Vorkenntnissen. Erkenntnisse aus der Vergangenheit vermitteln uns Wissen und Werte für die Gegenwart, diese bilden die Grundlage und Bedingung für eine kritische und reflexive Zeitdiagnose, die dem praktischen Handeln vorausgeht. Für die Architekturpraxis ist die Architekturgeschichte also von eminent wichtiger Bedeutung, denn erst durch sie können komplexe gesellschaftliche Vorgänge und ihre Zusammenhänge nachvollzogen, untersucht, verstanden und letztlich verändert/verbessert werden. Ein Grund zur Beschäftigung mit Geschichte betrifft also die Befähigung zur Zukunftsgewandtheit. Die Architekturgeschichte und -theorie berührt damit auch den Entwurfsprozess von Architektur unmittelbar. In der Gestaltung von Architektur und Stadt werden die großen Fragen unserer Zeit aufgeworfen und es wollen Antworten gefunden oder zumindest soll ein Umgang damit versucht werden, wie z. B. Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung und nicht zuletzt der gerade erst begonnene Prozess der Dekolonialisierung. Architekturgeschichte ist m. E. auch nur im Dreiklang von Geschichte/Theorie/Kritik zu verstehen. Oder, vom Ende hergedacht: Lehre soll gute Architekt:innen hervorbringen … dazu bedarf es kritischen Geistern, die theoretische Grundlagen benötigen, wozu Geschichtskenntnisse nötig sind!

Verwandte Geschöpfe

abk— / Lehre / Literatur / Politik / Zeitgeschehen / Zitat

Kin (Verwandtschaft, Sippschaft) ist eine wilde Kategorie, die viele verschiedene Leute zu zähmen versucht. Sich auf eigensinnige Art verwandt zu machen anstatt, oder zumindest zusätzlich, mit der göttlichen, genealogischen und biogenetischen Familie, rührt wichtige Dinge auf; zum Beispiel die Frage, wem gegenüber man eigentlich verantwortlich ist. Wer lebt und wer stirbt auf welche Art und Weise in dieser Verwandtschaft und nicht in jener? Welche Gestalt hat diese Sippe, welche Orte und welche Kritter verbinden und trennen die Verwandtschaftslinien, und warum das Ganze? Was muss durchschnitten und was muss verknüpft werden, damit artenübergreifendes Gedeihen auf dieser Erde eine Chance hat; ein Gedeihen, das menschliche und anders-als-menschliche Wesen in die Verwandtschaft miteinschließt?

Donna J. Haraway (2018 [Engl. 2016]) Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Campus, Frankfurt/M., S. 10-11

Der Waschsalon

Alltag / Reisen / Gesellschaft

Waschsalons sind ausnahmslos, jedenfalls meines Wissens zufolge, in der Erdgeschosszone von Wohn- oder Geschäftsgebäuden untergebracht, wenig prominent, aber in Stadtbezirken oft zentral gelegen. Ist man nicht darauf angewiesen, fallen sie im Straßenbild kaum auf. Und fallen sie doch mal ins Auge, fragt man sich, ob diese von zahlreichen Maschinen besiedelten Räume überhaupt genutzt werden. Ihre zurückhaltende Schaufensterfassade ist meist mit zeitlos funktionaler, oft in Blau- und Rottönen gestalteter Grafik versehen. Sie scheinen aus der Mode gefallen, obwohl das Wäschewaschen auch mit fortschreitender Digitalisierung vermutlich nicht verschwinden wird. Ist man jedoch wirklich mal auf sie angewiesen, sei es auf Reisen oder weil die eigene Waschmaschine vorübergehend streikt, werden diese vermeintlich verwaisten Räumlichkeiten plötzlich zu sehr lebendigen Orten und unersetzbar darüberhinaus. Man kommt hier schnell ins Gespräch, weil das Zusammenspiel von Bezahlautomat und Waschvorgang meist nicht, trotz Erklärtafel, selbsterklärend ist, die Münzen ohne Gegenleistung geschluckt werden, einer der vielen Knöpfe klemmt, das Waschpulver aus ist oder eine Absprache nötig wird, weil eine der begehrten Maschinen noch unbestimmt lange ihre Runden dreht, … jedenfalls verbringen die Nutzer:innen dort meist einige Zeit und tauschen sich notgedrungen aus.

Meine eigenen Erinnerungen sind über die Jahre des Erwachsenwerdens sporadisch verstreut. Eine einprägsame Erfahrung ereilte mich am Fuße der Zugspitze, wo ich, frisch umgezogen, erstmal keine Waschmaschine besaß, was mich mitten im Winter dann und wann dazu veranlasste, schwernasse Bündel Wäsche auf dem Fahrradgepäckträger durch, in meterhohen Schnee gefräste, dämmrige Straßenschneisen zu schieben; der Salon lag Richtung Ortsausgang, in der Rückschau nicht ganz ungefährlich. Eine andere Umzugs- und Wohnsituation führte mich zu einem Waschsalon in der Nähe des Hauptbahnhofs im Kessel der schwäbischen Landeshauptstadt. Diese eher kleine Aufenthalts- und Wärmekammer mit Café-Station ist besonders bei Durchreisenden und Obdachlosen beliebt, davon jedenfalls erzählten die sich stapelnden Rucksäcke. Weil ich mich in letzter Zeit häufiger darüber unterhalten habe, beeinflusst von meiner jüngsten Waschsalon-Erfahrung im Wedding, erfuhr ich, dass so mancher Waschsalon seine Bestimmung auch als beliebter Treffpunkt und Aufenthaltsort der Großstadt-Jugend findet, Party-Erinnerungen wurden im Gespräch wach. Es scheint also kein Zufall, dass NightWash, ein erfolgreiches Comedy-Nachwuchs TV-Format, seit langen Jahren in einem Kölner Waschsalon gedreht wird, denn in einem Waschsalon spielen sich gewöhnlich so banal wie inspirierend erzählenswerte Alltagsszenen ab, vor denen eigentlich fast niemand gefeit ist, oder?

Der Rebound-Effekt

Dystopie / Energieökonomie / Gegenwart / Kapitalismus / Klimakrise

Technische Innovationen sind oft faszinierend, zumeist fortschrittlich, manchmal sogar heilsbringend. Der Forschungsdrang von Wissenschaftler:innen, gepaart mit dem Innovationszwang der kapitalistischen Wirtschaftslogik, bringt technische Entwicklungen stetig hervor, die gesellschaftlich betrachtet oft hilfreich sind, mitunter aber sowohl ökonomisch instrumentalisiert, als in Folge auch von den Konsument:innen unhinterfragt angenommen werden, schlicht deshalb, weil es geht. Die Liste der Absurditäten ist lang und irrwitzig.

Eine mögliche Zusammenhanglosigkeit von technischer Innovation und tatsächlicher Nachhaltigkeit, d. h. gleichzeitig und gleichermaßen ökologisch, ökonomisch und sozial, lässt sich anhand des “Rebound-Effekts” erkennen. Eine kurze Definition lautet: Der Rebound-Effekt ist ein Anstieg des Energieverbrauchs aufgrund einer Effizienzsteigerung (Martin Achternicht, Simon Koesler, 2014, zit. nach https://de.m.wikipedia.org/wiki/Rebound-Effekt_(Ökonomie)). Das kann sich direkt oder indirekt zeigen. Es ist einer der am meisten unterschätzten Hindernisse auf dem Weg in eine nachhaltige Wirtschaftsweise, so formuliert Maja Göpel in ihrem Buch “Unsere Welt neu denken. Eine Einladung” (2020: 99).

Um an dieser Stelle nicht tiefer in solch reichlich abstrakte energieökonomische Definitions- und Erklärungsversuche einzutauchen, aber dennoch die erstaunliche Karriere dieses Phänomens einzufangen, seien wenige griffige Beispiele angeführt:

Wenn der Automobilsektor sich so entwickelt hätte, wie die Industrie der Informatik, dann hätten wir heute Autos die 25 Dollar kosten und 500 km mit 1 Liter fahren würden (Bill Gates). Am Auto zeigt sich besonders gut, wie vielfältig der Rebound-Effekt wirkt. Es ist eines der Produkte, bei dem noch so gut wie jede Effizienzsteigerung auf irgendeiner Ebene wenigstens teilweise wieder aufgehoben wurde. Diese Aufhebung kann auf direkte Weise in der Nutzung geschehen. Etwa, wenn jemand, der sich ein benzinsparendes Auto gekauft hat, dieses Auto nun häufiger nutzt […]. Es kann auch auf indirekte Weise geschehen, indem sie [die Person] sich für das im Unterhalt gesparte Geld etwas leistet, das sie sich bisher nicht leisten konnte […]. Dasselbe gilt auch auf der Ebene der Produzenten. […] Ein ganz normaler VW Käfer verbrauchte Mitte der Fünfzigerjahre 7,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Als VW das Fahrzeug Ende der Neunzigerjahre als Beetle wieder auflegte, verbrauchte es fast genauso viel. Dabei lagen vierzig Jahre technische Entwicklung, Ingenieursarbeit und Effiziensstreben zwischen beiden Modellen. […] Was an geringerem Verbrauch möglich gewesen wäre, wurde für zusätzliche Leistungen ausgegeben. Energie wurde nicht eingespart, Material auch nicht, im Gegenteil […].

Dasselbe gilt für die Baubranche: Unsere Heizungen etwa sind sparsamer als jemals zuvor, die Gebäude wärmeisoliert, aber da der Raumbedarf pro Kopf immer weiter gestiegen ist […], sinkt der Energieaufwand eben trotzdem nicht. Und dasselbe gilt für unsere Elektrogeräte […] und das sogenannte Geo-Engeneering (Göpel, 2020: 105-109).

Übertragen lässt sich das Phänomen auch auf die Arbeitswelt, wie sonst wäre zu erklären, dass die Effizienzsteigerung der Digitalisierung die Menschen noch immer an den Standard einer 40-Stunden-Woche bindet?

European Architectures in the Age of Climate Change

Architektur / Architekturtheorie / Ästhetik / EU / Europa / Politik / Publikation

In: ARDETH #07 — EUROPE. ARCHITECTURE, INFRASTRUCTURE, TERRITORY. Politecnico di Torino, pp. 46-65. Online: http://www.ardeth.eu/magazines/europe/

Sandra Meireis

European Architectures in the Age of Climate Change

Abstract

As a reaction to worldwide calls for a change of the ecological consciousness, and a general overhaul of the global economic system, new movements and manifestos are emerging in connection with the construction industry, which is one of the sectors that can make a significant contribution to climate protection. In this article, European Architectures in the Age of Climate Change (EAACC) are being proposed as an idea that brings nature, society and architecture together, and has the potential to reshape the cities and regions of Europe into a cleaner and fairer tomorrow. A socially just, environmentally friendly, and economically productive Green New Deal (GND) implemented in the Urban Agenda of the European Union can pave the way for a sustainable urban and rural future Europe.

Zoom-Fatigue oder Mut zur Müdigkeit

Alltag

Müde bin ich, geh’ zur Ruh‘ … so beginnt ein traditionelles Gute Nacht-Gebet. Es ist das einzige, das ich heute noch auswendig kenne. Müde bin ich, heute aber aus anderen Gründen. Nicht der überhitzte Tag im Garten, auf der Straße, die vielen kindlichen Eindrücke tragen die überwältigende Müdigkeit in meine Knochen, die sich damals über Nacht ganz schnell wieder erholten. Müde bin ich, heute von der Gesellschaft und von einem zur Gewohnheit gewordenen Idealismus, den man besser in der späten Adoleszenz abstreift. Ein Schlaf, selbst tief, hilft nicht. Zwei auch nicht.

Ich frage mich, warum ich es nicht schaffe, das zu tun, was ich eigentlich tun wollte. Und dann frage ich mich, warum ich es auch nicht schaffe, das zu tun, was ich eigentlich nicht tun sollte, so Sylvia Plath in Die Glasglocke. All das ermüdet mich, während ich nur noch auf das kalte klare Wasser einer Küste im August hin fiebere.

Grenzräume & Übergangszeiten (1/2)

Forschung / Grenze / Literatur / Schreiben / Utopie

Die Grenze und der Übergang sind Phänomene, die mich schon seit einigen Jahren beschäftigen: das betrifft sowohl den physischen Raum als auch den historischen Zeithorizont. Die Grenze, der Rand, die Liminalität, die Übergangszone und die Zwischenwelt sind reichlich abstrakte Begriffe und bilden einen je höchst eigentümlichen Ort, an dem es möglich ist, einer anderen Macht zu begegnen, an dem man das Risiko läuft, sich zu verwandeln, von dem es schwierig ist zurückzukommen, so die Beschreibung der französischen Anthropologin Nastassja Martin in ihrem Buch “An das Wilde glauben” (2021: 116). Meine eigene Gegenwart ist durchdrungen von Fragen, die folgende Bereiche berühren (alphabetisch): Alter, Anarchie, Arbeit, Architektur, Bürgertum, Corona, Ethik, Europa, Familie, Feminismus, Gesellschaft, Herkunft, Kinder, Klasse, Krankheit, Kunst, Land, Moderne, Nation, Postmoderne, Sprache, Stadt, Werte … und all die dazugehörigen Unsicherheiten und Ungereimtheiten.

Die Beschäftigung mit Grenzräumen und Übergangszeiten manifestiert sich auch in meiner akademischen Arbeit. Bisher habe ich mich diesem Themenkomplex in Abschlussarbeiten und Seminaren gewidmet, habe mich damit auf Reisen beschäftigt und Alltagserfahrungen gesammelt. Manchmal mit der Fotokamera beobachtend, oft schreibend, immer interessiert am geografischen, kulturellen und spirituellen Grenzgang. Prominent wurde das auch theoretisiert von Georg Simmel (sozial-räumlich), Edmund Husserl (phänomenologisch), Marc Augé (anthropologisch), Gil M. Doron (geografisch), etc. Da wo das Eine auf das Andere stößt, geschehen meist unerwartete Dinge.

Das betrifft auch mein derzeitiges akademisches Schaffen: thematisch, methodisch und institutionell. In den letzten Jahren haben mich vor allem neue utopische Modelle in der Architektur beschäftigt. Die Publikation “Mikro-Utopien der Architektur” beschreitet nun ganz eigene Übergangs- und Grenzbereiche, die sich darin zeigen, dass über das Feld der Architekturforschung hinaus, transdisziplinäre Dialoge dazu angestoßen werden.

Die Lyrikerin Dorothee Elmiger beschreibt in ihrem in lyrischer Prosa verfassten Rechercheprotokoll “Aus der Zuckerfabrik” eine eindrückliche Passage über Ziegen, die mich dazu veranlasste den vorliegenden Post zu formulieren, denn sie fängt darin ein Phänomen ein, was mein derzeitiges Arbeitsgefühl gut beschreibt: Der Anfang einer neuen Recherche wirft mich ins Ungewisse. Der Wechsel von einem Denkkosmos in den anderen ist aufregend, schön und beunruhigend gleichermaßen.

Es gibt eine Episode aus meiner Kindheit […]: wie nämlich mein Vater als Forstadjunkt einmal zu einer Alp hochfuhr und mich […] mitgenommen hat. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich aus den Fenstern des weißen Jeeps vor allem die baumfreien Regionen, die felsigen Hänge vor dem trüben Himmel sah. Nach der Fahrt hoch zur Alp über die steil ansteigende Straße standen wir am Rand eines Bergsees, und während sich also mein Vater mit dem Landwirt unterhielt, der seine Tiere dort sömmerte, sah ich […] in einiger Distanze eine Ziege. […] Ihr weißes Fell leuchtete mir entgegen und natürlich wollte ich unbedingt in die Nähe dieser Ziege gelangen, ich wollte das Rätsel lösen, das die Ziege, die wie ein Phantom mitten in der Wiese stand, mir stellte, aber schon damals wusste ich natürlich, dass es unter Umständen nicht so einfach war, in ihre Nähe zu gelangen: Ich musste mich dem Tier empfehlen, ich musste eine Sprache für die Ziege finden, ich musste ihr zu verstehen geben, dass ich sie zwar betrachten, aber nicht töten wollte. Jedes Kind weiß von der Unberechenbarkeit, dem Eigensinn der Tiere. Oft entwischen sie im letzten Moment. Was ich sagen will: Wie ich damals dieser Ziege gegenüberstand, die nicht viel kleiner war als ich selbst, wie wir uns Aug in Aug gegenüberstanden, so hatte ich auch hier angefangen, mit diesen Überlegungen: Ich rechnete durchaus damit, dass alles fruchtlos bleiben würde. Aber? Aber kaum hatte ich, das Kind, also den Plan gefasst, mich der Ziege zuzuwenden, traten hinter dem Tier weitere Ziegen auf die Wiese, und zusammen setzten sie sich augenblicklich in Bewegung und kamen rasch auf mich zu, die ganze Herde des Bauern trabte in meine Richtung. Du kannst dir vorstellen, dass ich jubelte bei der Aussicht, dass die Ziegen so ganz freiwillig herkommen würden (…) sehr zielstrebig auf mich zusteuerten, das Kind, das kaum größer war als diese Ziegen. Sie umringten mich, drängten sich zu mir vor, die hinteren stellten sich auf die Hinterbeine, um mich so über die Köpfe der vorderen hinweg zu sehen. Ich erinnere mich an ihre kühlen, wässrigen Augen, lustige Augen, an ihre schmalen Köpfe und ihre hellen Nasen, mit denen sie mich anstießen, und dann an ihre Zungen, mit denen sie über meine Hände und mein Gesicht zu fahren begannen. Ich sehe genau, wie das Kind diese Geister, die es kurz zuvor noch rufen wollte, nun mit beiden Händen zu vertreiben versucht, wie es die zudringlichen Tiere, die sich so hemmungslos auf es stürzen, die es belagern, immer wieder von sich stößt. Der Vater und der Landwirt belustigt: Die Ziegen haben noch niemandem etwas zuleid getan. Aber dem Kind ist es zu viel, es sieht nur noch die Zungen und die Münder, die sich öffnen, es spürt die Körper der Ziegen an seinem eigenen Körper und die Klauen, mit denen sie ihm auf den Füßen rumstehen, und es beginnt laut zu weinen, und viel später noch, als es längst wieder auf dem Rücksitz des Autos sitzt, ist es immer noch erschöpft und fassungslos. So siehst du dich jetzt? Nur dass die Ziegen in diesem Fall nun körperlos sind. Wobei es doch stimmt, dass die Ziegen, wie dein Vater und der Bauer sagten, dass sie eigentlich ganz harmlos sind. Aber dieses Verlangen, mit der Ziege zu sprechen, die Ziege zu verstehen, das ist doch unter Umständen nicht ungefährlich.

Ich habe nun noch einmal länger darüber nachgedacht, was du über Ziegen gesagt hast. Und was mir dann eingefallen ist: Dass die berühmten Medien nach ihren Sitzungen jeweils eine Art Zusammenbruch erfahren und unter großer Erschöpfung leiden. Vor einigen Tagen, nachdem ich wochenlang im Libro de la vida von den Krankheiten und Ekstasen der heiligen Teresa gelesen und mir einen Reim darauf zu machen versucht hatte, begannen auf einmal meine Glieder sehr zu schmerzen oder vielmehr zu zittern, sodass ich tagelang kaum mehr aufstehen mochte. Ich schleppte mich in die Waschküche, und wenn es sein musste, ging ich einkaufen, das war alles, und meine Mutter meinte am Telefon, mir fehle es vielleicht an Eisen im Körper (…). Der Punkt ist, dass ich sehr spät erst dachte, wie lustig es doch sei, dass mich gerade jetzt, da ich mich mit den Ohnmachten und den Schmerzen der Heiligen beschäftigte, diese eigentlich grundlose Schwäche befallen hatte. Also ich glaube schon, dass wir uns eben in diesen Momenten außerhalb dessen bewegen, was wir verstehen, und dass das sehr anstrengend ist. Und wie dann, wenn zu viel von dem Medium verlangt wird, auf einen Schlag das Gespräch abbricht und das Medium niedersinkt, als hätte man ihm einen Stoß verpasst, das leuchtet mir ein. Im Wörterbuch heißt es ja auch, das Wort “ahnen” komme vom mittelhochdeutschen -mir, mich anet-: ‘Es kommt an mich heran’, d.h. ‘ich sehe voraus’. Das Kind ist so müde, weil ihm die Ziegen so nah gekommen sind (Elmiger, 2020: 182-185).

[gute Texte sind, und widerständig]

Hatte ich mich doch gerade im großen Denkkosmos der Utopie so gut eingerichtet … stehe ich nun vor einer Forschungsaufgabe, begleitet von einem weiteren universitären Institutionswechsel, den ich erneut als Übergangs- und Grenzsituationen erlebe. Das ist zwar abwechslungsreich, aber läßt mich dennoch so manches infrage stellen, z. B. ob das “wandernde Wissen” der Forschung langfristig zu Gute kommt.

Fortsetzung folgt (in: DAS FÖHTONG Nr. 2)

So ein Theater!

Lehre / Literatur / Politik / um 1600 / Zeitgeschehen / Zitat

Wann immer sie an den Hof gekommen war, um die Eltern zu besuchen, hatten dort Theatervorstellungen stattgefunden. Leute standen auf der Bühne und verstellten sich, aber sie hatte sofort begriffen, dass das gar nicht stimmte und dass auch die Verstellung bloß eine Maske war, denn falsch war nicht das Theater, nein, alles andere war Getue, Verkleidung und Firlefanz, alles, was nicht Theater war, war falsch. Auf der Bühne waren die Menschen sie selbst, ganz wahr, völlig durchsichtig.

Im wirklichen Leben sprach keiner Monologe. Da behielt jeder seine Gedanken für sich, da konnte man nicht in Gesichtern lesen, da schleppte jeder das tote Gewicht seiner Geheimnisse. Niemand stand allein in seinem Zimmer und redete laut darüber, was er wollte und fürchtete, aber wenn Burbage das auf der Bühne tat, mit seiner knarrenden Stimme, die sehr dünnen Finger auf Augenhöhe, kam es einem unnatürlich vor, dass alle immerzu versteckten, was in ihnen vorging. Und was für Wörter er gebrauchte! Reiche Wörter, seltene, die schimmerten wie wertvolle Stoffe — Sätze, so perfekt gefügt, wie man es selbst nie fertig gebracht hätte. So sollte es sein, sagt einem das Theater, so solltest du reden, so dich halten, so fühlen, so wäre es, ein wahrer Mensch zu sein.

Daniel Kehlmann (2017) Tyll. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S. 231-232

Creatio Ex Materia (Bauhaus OctopusX, 2017)

Bauhaus / Feminismus / Fundstück / Kunst / Text zur Kunst
Bauhaus OctopusX by Ulrike Buck, Triumph Gallery — Exhibition view

In the Bauhaus Manifesto Walter Gropius stated that ‘[a]rchitects, sculptors, painters, […] all must return to craftsmanship! […] There is no essential difference between the artist and the artisan. The artist is an exalted artisan. Merciful heaven, in rare moments of illumination beyond man’s will, may allow art to blossom from the work of his hand, but the foundations of proficiency are indispensable to every artist’ (Weimar, 1919). This expressionist quote bears witness to a disbelief in technology, this was then in reaction to the unmediated horrors of WWI. Later, in the Principles of Bauhaus Production (Dessau, 1926) Gropius departed from the Arts & Crafts credo and pleaded for strong unity with technology, incorporating industrial progress into the school’s design thinking. As a result, the Bauhaus movements’ approach to democratic design has made global history as a German export hit; in its spirit, other design schools, e.g. Black Mountain College, came into being and multinational corporations, e.g. IKEA, spread ready-to-assemble furniture all over the world. It is also the name giver to the German self-service hardware store BAUHAUS, founded in 1960. This was during the early days of the Digital Revolution, paralleled by the rise of DIY culture in the Western world. Thus a certain utopian idea from the early 20th Century has successfully descended into today’s reality.

In Buck’s work, the utopian character of traditional crafting encounters the contemporary living conditions of a digital nomad. The choice of classic building materials, like terracotta, (wire enforced) glass and steel, predetermine the set of possibilities for the shaping and emergence of new objects. Material knowledge is used as an essential precondition for thinking with and creating through the hands, understood as a sensory extension of the artist’s mind – a significant anthropological constant throughout human history.

Also Octopus vulgaris – one of the oldest living creatures – literally thinks with its hands or arms: Each of its eight tentacles is equipped with a cloud of neurons that builds-up different brain fields. Belonging to the Cephalopod species, this soft-bodied sea animal emerged in the history of evolution 550 Million years ago, on the cusp of the Cambrian. Since then the octopus is a mediator between worlds, communicating between the shallow seawater and the deep sea, one of the most unexplored and pristine territories on Planet Earth, symbolic of the human subconsciousness. This solitary animal is a maverick, endowed with three hearts, reason, memory, and personality. It is capable of camouflaging itself, adapting not only its skin colour and texture, but also its body shape and behaviour; a complex organism with no clear brain-body boundary. Diving into its habitat is like diving into the origin of us all, as Peter Godfrey-Smith recently put in his book Other Minds. The Octopus, the Sea and the Deep Origins of Consciousness (New York, 2016), in which the author tries to assess their intelligence and challenges science to re-frame its understanding of the human brains. Correspondingly, the octopus has become an object of investigation in recent developments in robotics.

The symbolism of the octopus is manifold. Its overall Gestalt, its shape and character is soft and fluid. Lined with countless suction cups, the ceaseless movement of the intangible tentacles embraces the observer with its mystical, and possibly lethal beauty. Throughout art history, the octopus conveys indefinite erotic imaginaries, for instance in The Dream of the Fisherman’s Wife, a woodblock print by the Japanese artist Hokusai (1814). Thus, it can be interpreted as an allegory of female dreaming, representing an embodiment of the stream of consciousness method; reactive, intuitive, associative, and of a sensuous-rational nature. Not least, it is said, that the tentacles motif has been inspirational for the characteristic design of the ancient Minoan labyrinth. This is one of the most legendary architectural structures in Greek mythology, keeping the Minotaur imprisoned and proving Ariadne’s ingenuity.

The symbol X is universal. Although it is frequently used to indicate a concept of negation, refusing, dividing, or terminating something, it has much more power as a positive sign: Primarily it symbolizes the union of two things, expresses their interconnectedness, or multiplication, lately used in netspeak as symbol for kissing. It is an indicator, identifier, mark or placeholder, often representing the unknown, e.g. locating the final destination on a map, where the treasure is buried. Altogether X stands for the crossing of boundaries, as it is the ancient symbol for change and transformation. It is also Osiris’ symbol, the Egyptian god of the afterlife, and underworld, the god of resurrection. In pagan belief, witches cross fingers to focus and hold magical or demonic energy at the point of intersection. This was thought to mark a concentration of good spirits and served to anchor a wish until it could come true. In genetics, without the X-chromosome there’s hardly life, and the double-X designates the female cell. Not least, the X-axis represents the horizontal in the coordinate system.

In the exhibition, the X also stands for the multiple interconnections and mutual enhancement of the material when combined with artistic energy. The pieces are corpora delicti of a specific moment in time, historically and biographically, a synthesis of the artist’s personal anthropological archive. Aesthetically the objects amalgamate the ascetic, functionalist Bauhaus style with a post-modern idea of a networked world-organism. The deployed technologies, such as sandblasting, iron bending, and clay firing correspond to the classical elements earth, wind, and fire, and hence convey an archaic understanding of the world, when senses were essential for survival. As in Plato’s Timaeus (360 BC) where the creation of the world’s soul is manifested in the letter X.

Catalogue text for the exhibition “Bauhaus OctopusX” by the artist Ulrike Buck, Triumph Gallery Moscow, Jan. 2017. Photos by Ulrike Buck

Leise Klänge

Alltag / Berlin-Wedding / Corona

Durch die halbgeschlossenen Kastenfenster meiner Wohnung dringen leise Klänge einer überschaubaren Balkonparty aus dem gegenüberliegenden Haus. Wenige Stimmen singen in Gitarrenbegleitung den Song Jolene von Dolly Parton. Der Gesang klingt wie eine schüchtern simulierte Wochenendnormalität. Es ist Freitagabend und kalt — 23:00, 0 °C — der Monat März nähert sich seinem Ende. Ich erinnere mich dunkel, dass ich solche Klänge zuletzt im vergangenen Sommer gehört habe. Die Gesellschaft wünscht sich den bevorstehenden Sommer mit sanfter Ungeduld herbei.

Corona and the Climate Crisis

Architektur / Architekturtheorie / Corona / EU / Europa / Exzerpt / Klimakrise / Publikation / Utopie / Zitat

Currently, the world is in the middle of a decisive turning point, and so is Europe and the EU (Assmann, 2018; Fischer, 2019). The time is ripe for a reflection and revision of dysfunctional institutional structures on the European level, not least for the sake of the survival of our planet Earth. It seems the climate crisis is merely acknowledged, but only ineffectually addressed, because the capitalist system as a whole would have to be rethought in order to combat the problem with real effectiveness — and this touches upon issues of redistribution of power structures not only in the EU but in the entire world (Mason, 2015; Lessenich, 2016). SARS-CoV-2 can also be understood as a sub-crisis of the climate crisis, i.e. symptomatic of a weakened ecosystem (Bernstein, 2019; UNEP, 2020). It is a great challenge to make the post-pandemic reconstruction process socially just and ecologically sustainable, and it is only conceivable in connection with climate protection and justice (Martin, 2020). Rapid social change is of the utmost climatic urgency. [And architecture can contribute.]

Excerpt: Meireis, S. (2021) European Architectures in the Age of Climate Change. In (forthcoming): Ardeth #7: Europe. Architecture, Infrastructure, Territory. Politecnico di Torino 

Digitale Ortlosigkeit

Alltag / Corona

Das Umherirren in fremden Gebäuden, z. B. um zu einem Seminarraum zu eilen, fand in den letzten Monaten ein jähes Ende. Heute geht es zur richtigen Zeit (via Link) zum richtigen virtuellen Raum, den man sich in den 1990er Jahren noch weitaus aufregender, weniger dröge-pragmatisch vorgestellt hatte. Digitale Räumlichkeiten tun sich derzeit viele auf, z. B. für interne Besprechungen und Seminare an der Uni, Organisationsmeetings mit dem Verein, öffentliche Gesprächsrunden oder Treffen und Feierlichkeiten mit Freund*innen/Bekannten am Abend. Man muss sich nicht mehr in die Atmosphäre eines Ortes oder die anfängliche Stimmung eines Raumes hineinspüren, sondern sich lediglich über die unterschiedlichen User Interfaces informieren: Wie läßt sich das Mikrofon, die Web-Cam und das Teilen des Bildschirms steuern, welche zusätzlichen Plugins kann man einsetzen? Die Unsicherheit geht von der Technik aus, Spielertypen haben es dieser Tage leichter. Fair enough. Die Realität reduziert sich auf den eigenen Schreibtisch, den immergleichen mit Menschenantlitzen gekachelten Monitor. Die allgemeine Organisation läuft weiter, es wird besprochen, geplant, verhandelt, vorsichtig terminiert und all das mit dem Wunsch nach Besserung, aber wie sieht dieser aus? Vielleicht begegnet man sich im Sommer in Hamburg, Köln, München oder Stuttgart, vielleicht aber auch nur online oder wird es doch ein hybrid-Format, das genuine Zusammenkünfte kolportiert. Dabei Plan B, C, D immer schon im Hinterkopf, zeitlich und konzeptionell.

Es gibt zur Zeit ein Überangebot virtueller Veranstaltungen. Man könnte den Tag nahtlos damit zubringen der Online-Präsenz mitteilungsbedürftiger Menschen zuzuhören und zuzusehen. Nie war das Bildungsangebot so horizontal, nie war meine Lust darauf so gering. Die öffentlichen Gesprächsreihen sind so vielzählig, dass es positiv auffällt, wenn eine Institution sich in Enthaltung übt, d. h. die gewonnene Zeit möglicherweise zur Reflexion nutzt, um der post-Corona-Phase mit frischem Geist zu begegnen. Wahrzunehmen ist bereits eine neue Offenheit bzw. Durchlässigkeit des Diskurses, insbesondere gegenüber neuen Formaten (online und offline), aber auch gegenüber der Infragestellung des eigenen Tuns und dem Wille zur experimentellen Zusammenarbeit. Ich hege die Hoffnung, dass in dieser Phase des Rückzugs viele Dinge im privaten bzw. nicht-öffentlichen Raum sich entwickeln und entstehen, utopische Hoffnungen geschult werden, die die post-Corona-Kultur prägen können. Die Welt könnte eine andere werden. Es ist eine Zeit des Mutes, in der man tun sollte, wozu man sich berufen fühlt, im Kleinen wie im Großen. Wenn die Energien nicht in Organisationsfragen (Familie, Arbeit, Gesundheit) abgeflossen sind, werden sie vielleicht genutzt, um vieles, was vorher schon nicht funktioniert hat umzubauen. Ob es ein Danach überhaupt geben wird, in der der aufgestaute Lebenshunger sich bahnbrechen kann, bleibt abzuwarten. Für die nächste Pandemie ist die Gesellschaft nun jedenfalls mental gewappnet oder zumindest digital gerüstet.

Architektur und Mensch

Architektur / Zitat

Die Architektur ist so vielgestaltig wie der Mensch. Gleich und anders. Zum Lemma “Architektur” (Kritisches Wörterbuch, Merve Verlag, 2005 [Frz. 1929]) schreibt Georges Bataille:

Die Architektur ist der Ausdruck des Wesens der Gesellschaften, in der gleichen Weise, wie das menschliche Gesicht der Ausdruck des Wesens der Individuen ist. Dieser Vergleich gilt jedoch vor allem in bezug auf die Physiognomie von Amtspersonen (Prälaten, Richter, Admiräle). In der Tat, nur das Ideale Wesen der Gesellschaft, dasjenige, das mit Gewalt gebietet und verbietet, drückt sich in den eigentlichen baulichen Kompositionen aus. So erheben sich die großen bedeutenden Bauwerke wie Deiche und setzen allen trüben Elementen die Logik der Hoheit und der Gewalt entgegen: In der Form von Kathedralen und Palästen richten sich Kirche und Staat an die Vielheiten und zwingen diesen Ruhe auf. In der Tat ist offensichtlich, daß die Monumente die soziale Weisheit und häufig selbst eine echte Angst anregen. Die Erstürmung der Bastille ist ein Sinnbild für diese Lage der Dinge: Es ist schwierig, diese Massenbewegung anders zu erklären, als durch die Feindseligkeit des Volkes gegen die Bauwerke, die seine wahren Gebieter sind.

[…]

Im übrigen ist es offensichtlich, daß die dem Stein aufgezwungene mathematische Anordnung nichts anderes darstellt als die Vollendung einer Entwicklung der irdischen Formen, denen in der biologischen Ordnung durch den Übergang von der affenähnlichen zur menschlichen Form, die bereits alle Elemente der Architektur darbietet, Sinn zukommt. Die Menschen bilden im morphologischen Prozeß offenbar lediglich eine mittlere Etappe zwischen den Affen und den großen Gebäuden. Die Formen sind zunehmend statisch geworden, zunehmend herrschend. Eigentlich ist die menschliche Ordnung von Anbeginn mit der architekturalen Ordnung innerlich verbunden, wobei diese nichts anderes als die Fortentwicklung jener ist. Wenn man die Architektur verantworklich macht, deren gewaltige Erzeugnisse gegenwärtig die wahren Herren auf der ganzen Erde sind und in ihrem Schatten die unterwürfigen Massen zusammenfassen, Bewunderung und Erstaunen einflößen, Ordnung und Zwang durchsetzen, dann macht man in gewisser Weise den Menschen verantwortlich. Ein ganzes irdisches Treiben, und zweifelsohne das glänzendste in der Geisteswelt, bewegt sich übrigens gegenwärtig in diese Richtung und prangert die Unzulänglichkeit der menschlichen Vorherrschaft an: So seltsam dies angesichts einer so eleganten Schöpfung wie des menschlichen Wesens scheinen mag, auf diese Weise öffnet sich ein […] Weg zur viehischen Abscheulichkeit; als ob es keine anderen Aussichten gäbe, der architekturalen Galeere zu entrinnen.

Über Neujahrsvorsätze

Alltag / Fragen / Kommentar

Ein Jahreswechsel regt zur Reflexion an. Der Monat Januar entlehnt seinen Namen dem Gott Janus, dem Zwei-gesichtigen, der gleichermaßen zurück wie nach vorne schaut bzw. sich ambivalent oder gar doppelmoralisch verhält.

Neujahrsvorsätze haben meistens etwas mit “im Leben aufräumen” zu tun. Aufräumen läßt sich – je nach Dringlichkeit – Diverses: Körper und Wohnung, Geist und Gedanken, Bedürfnisse und Wünsche, Beziehungen zu Menschen und Verhältnisse zu Dingen, politische Ideologien und gesellschaftliche Vorurteile, persönliche Arbeitsweisen und Karrierebestrebungen, das Chaos digitaler und analoger Archive — man könnte das alles mal neu sortieren. Dann oder wann. Aber warum genau jetzt? Ist Veränderung – um ein Klischee zu bemühen – nicht das einzig Beständige in dieser Welt?

Die Idee von Neujahrsvorsätzen war mir immer schon schleierhaft, gar fremd. Weshalb sollte man sich im neuen Jahr – psychoanalytisch betrachtet – anders als im Jahr zuvor verhalten (müssen/können)? Das Jahr wechselt. Aber ich bleibe. Der Mensch bleibt. Menschen bleiben wie sie sind. Sind gar gute Absichten eine christliche Erfindung, die den vermeintlichen Weg zum Himmel pflastern bzw. eher den zur Hölle, weil man sie programmatisch bricht?