Berliner Speisekammer

Berlin / Liebe / Literatur / um 1900 / Zitat

Im Spalt des kaum geöffneten Speiseschranks drang meine Hand wie ein Liebender durch die Nacht vor. War sie dann in der Finsternis zu Hause, tastete sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er’s küßt, sein Mädchen umarmt, hatte der Tastsinn mit ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre Süßigkeit kostete. Wie gab der Honig, gaben Haufen von Korinthen, gab sogar Reis sich schmeichelnd in die Hand. Wie leidenschaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem Löffel entronnen waren. […]

Walter Benjamin (seit 1932)
Die Speisekammer. In: Berliner Kindheit um 1900

Freiheit und Sicherheit

Corona 2020 / Politik / Postmoderne

Es gibt kaum Etwas, was mich derzeit mehr umtreibt, auch durcheinander bringt und mit gedanklichem neu sortieren beschäftigt als die Auflösung alter (politischer) Gewissheiten. Damit bin ich natürlich nicht alleine. Freiheit (mithin Gleichberechtigung und Solidarität) war einst eine klassische Forderung der Linken, während die Konservativen traditionell bewahrend auf Sicherheit setzten. Nun, da sich alle vermeintlichen Gewissheiten umzudrehen scheinen, die Worte/Sprache (z. B. Querdenken) und Zeichen/Symbolik (z. B. Ästhetik der neuen Rechten, vgl. Daniel Hornuff) gekapert und umgedeutet werden, die extremen Ränder erstarken, die gesellschaftliche Mitte als linker Mainstream verstanden wird, gegen den der „unzufriedene Mob“ aufbegehrt (dagegen sein heißt heute rechts sein, vgl. Didier Eribon), die bürgerliche Idee dem Verfall preisgegeben ist und Esoterisches in die Nähe von Rechtspopulismus rückt, scheint sich das Verhältnis umzudrehen und das Sicherheitsbegehren den Linken zugeordnet werden zu können, während der Ruf nach Freiheit — gegen das demokratische Diktat 🤔 und die politische Korrektheit — von der rechten Seite her schallt.

In Zeiten von Covid-19 heißt es, laut Statistik, dass jede*r dritte Bundesbürger*in, Verschwörungsmythen (mit Theorien hat man es hier wahrlich nicht zu tun!) zugeneigt sei. Für mich liegt die Sache auf der Hand, d. h. egal von welcher Seite, Verschwörungserzähler*innen verweigern sich schlicht der Komplexität der Realität (und Wissenschaft). Dabei wird geraunt — in Abgrenzung zu den Anderen, also den Corona-Maßnahmen–Mitläufer*innen — selbst noch denken zu können (Mündigkeit) — aha! Ob streiten darüber hilft? Ich bleibe im Prozess und versuche meinen diskutierenden Blick noch ein bisschen zu schärfen.

Harry Gerlachs bunte Bauten

Architektur / Berlin / Farbe / Fassade / Stadtgestalt

Harry Gerlach war ein thüringischer Schriftsteller und Heimatforscher, findet man auf Wikipedia. Aber um den soll es hier nicht gehen. Sein Namensvetter — Harry Gerlach — ist ein Berliner Wohnungsunternehmer (und mutmaßlich im ersten Leben ein leidenschaftlicher Malermeister), der nach dem Zweiten Weltkrieg und vermutlich ebenfalls kurz nach der Wende zahlreiche Berliner Wohnblocks aufgekauft bzw. gebaut und mit unübersehbar bunten Fassadenanstrichen versehen hat. Die akuell unternehmensführenden Töchter beschreiben ihren Vater in einem Interview als “Zeitzeuge des Berliner Nachkriegsimmobilienmarkts […] [der] ihn aktiv mitgestaltet hat” (https://www.harry-gerlach.de/unternehmen/interview/).

Die quietschfidele Fassadengestaltung lässt auf einen kindlichen Spieltrieb in Folge der Nachkriegstristesse schließen, lässt sich aber auch als verhaltensauffällige Stadtgestaltung oder prä-postmoderne Verirrung — und ich schätze die Postmoderne generell sehr — beschreiben, die in diesem Fall jedoch jeglicher ästhetischen Empfindung entbehrt. Und es sind viele, über die gesamte Stadt verteilte, mehrstöckige Gebäudekomplexe, teils ganze Wohnblocks, mit jeweils prominenter Fassadenausrichtung. In Erinnerung bleiben vor allem die Farben sonnengelb, alarmorange, verkehrsblau, kirchentagsviolett und grasgrün. Pflegt man einen dehnbaren Begriff heterogener Stadtgestalt, verzeiht man ihm diesen kunterbunten architektonischen Aufschrei bzw. Marketinggag; teils inkl. Statements zum entsprechenden Kiez. Da ist jemand seinem persönlichen Auftrag gefolgt. Er muss gute Freund*innen in den zuständigen (damals vermutlich bereits) Westberliner Baubehörden gehabt haben.

Post Punk & Nu Jazz

Architektur / Musik / Stuttgart

Ohne Musik ist kein Leben vorstellbar, jedenfalls keines was es „wert“ wäre zu genießen. Musik befreit und befriedigt Urinstinkte. Wenn nichts mehr hilft, Musik kann retten. Tanzende Körper, singende Geister. Post Punk und Nu Jazz, aber auch Klassik Rock Independent Grunge Popmusik Soundtracks Neue Deutsche Welle HipHop Hippie Triphop indische Sitar Irish Folk Country Singersong Elektronik Punk Kraut Hardcore Reggae Dub Ska Schnulzen Tango Fado Blues Österreichisches Kabarett Orgel Kirchenmusik Chansons Trommeln Bläser Lagerfeuer Gitarre Gesang Oper Kastagnetten Mundtrommeln. Es wäre einfacher hier nach dem Ausschlussprinzip vorzugehen.

Musik ist auch lebensstrukturierend — sowohl in der Erinnerung an Vergangenes als auch in Impulsen für die Gegenwart. Eigene Mix-Tapes und jene wunderbar individualisierten Geschenke von Freund*innen — in Form von Kassetten, CDs oder MP3s — bewahre ich als autobiografisches Archivmaterial auf; einmal dahingestellt, ob man darauf zurückgreift oder nicht. Mein persönlicher Musikkosmos lässt sich grob als eine Mischung aus Post Punk und Nu Jazz beschreiben. Nicht, dass ich großartig Ahnung hätte von Musikgeschichte, -theorie oder sonstiger Einordnung von dem was da tagtäglich durch meine Stereo-Boxen schallt. Meine Erinnerung ist eklektisch-emotional, d. h. kaum reflektiert über das was dann oder wann kulturell irgendetwas bedeutete.

Mittlerweile bin ich — gänzlich unkritisch — großer Fan von Spotify, nachdem die einstmals gute Ordnung meines xyz-GB großen, digitalen Archivs — mit dem Systemwechsel von Microsoft (…) zu Apple (…) — ziemlich durcheinander geraten ist. Die undurchsichtige Eigenlogik neuer Audio-Softwares machte es mir zeitweise unmöglich noch Herrin über die eigene Musikauswahl zu bleiben. Das ist vor allem dann schwierig, wenn man sich nicht eingehend damit beschäftigt. Denn Musik braucht — neben ihrer existenziell liebsamen, hauptsächlich zerstreuenden Funktion — viel rationale Aufmerksamkeit.

Jeglicher Nu Jazz erinnert mich an die vielen (aus heutiger Perspektive unnötig) durchgearbeiteten Nächte in meinem Architekturstudium und an die wundervollen Menschen, die das mit mir geteilt und gehört haben. Außerdem klingt diese Musik in meinen Ohren mittlerweile wie die Leichtigkeit eines längst vergangenen Anfangs einer hoffnungsvollen, aber unbestimmten Zukunft. Im gegenwärtigen Zukunftszweifel bleibt mein gläsernes Herz dem zukünftigen Gegenwartszweifel treu.

Land of Nod (East of Eden, 2012)

Architekturtheorie / Berlin / Brache / Exzerpt / Fotografie / Fundstück / Grenze / London / MA Thesis / Warschau

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Whenever a searching eye encounters barren land, it seeks for shelters that can provide potential sites for hiding and creation. Arid tree trunks become essential elements of orientation – relics of a life cycle on deserted soil. The Land of Nod is such a place in the Book of Genesis {4:16}, located on the ‘east of Eden’, where Cain chose to flee after murdering his brother Abel. There, as vagabond, he was condemned to wander the land forever. The location east of Eden is explicit and so named on biblical maps, such as Ortelius’ and Mercator’s. Historical representations of the Land of Nod usually show vast and vacant landscapes, where several paths lead in all directions, and entry points could be anywhere.

The Land of Nod is also an English idiom for the imaginary realm of sleep and dreams, followed, one assumes, by waking up. Only emerging from sleep makes a sleep what it is: a restless subconsciousness surrounded by a state of external quiescence, providing the mind with a protection for regeneration.

Both conceptions suggest that the potentiality of absence denotes the state of being away. Here, existence (being) becomes an implicit expectation, because it comes prior to presence (being there) as the necessary premise for the recognition of absence.

Fouriers Frauen

Feminismus / Kritische Theorie / Literatur / um 1800 / Utopie / Zitat

Die Stellung der Frau ist für Charles Fourier der Probierstein einer jeden Gesellschaftsordnung. Am Verhältnis der Geschlechter lasse sich das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zu seiner eigenen Natur ablesen. Darum sei das Maß der Befreiung der Frau das Maß menschlicher Emanzipation.

Elisabeth Lenk (1966) Einleitung. Charles Fourier (Frz. 1808) Theorie der vier Bewegungen u. der allgemeinen Bestimmungen. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M., S. 29

Kaleidoscovid-20

Berlin / Corona 2020 / Gegenwart / Prignitz / Tine Tillmann

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We — Sandra Meireis & Tine Tillmann — imagine the Corona pandemic as a metaphorical object: the Kaleidoscovid-20.

The kaleidoscope is an optical device that is reminiscent of a telescope, and more important it is a beloved child’s toy. At the one end of the tube there are small, coloured glass stones, loosely inserted between a smooth and a frosted glass plate. When looking through the little, round window at the other end of the tube, the outer objects are reflected by internal mirrors several times. When the kaleidoscope is rotated manually, the surroundings and glass stones converge in transformation. Various distorted fragments of reality appear and disappear, which are fluidly changing, so that countless geometric, i. e. symmetrically coloured patterns and images continuously emerge in different formations. Children are fascinated by discovering the world as such a colourfully crystallised continuum in their everyday lives.

For the times they are a-changing. The Corona pandemic is the first global event in the 21st century that brought the world society’s everyday lives to an abrupt halt and its economy to an unwanted standstill, unlike the world economic crisis of 2007/08, which remained mostly abstract and kept humanity busy in suspense. In the past few months we all, including our families, friends, neighbours and beyond, were involved, affected and touched, both physically and mentally. This is disturbing and encouraging at the same time.

The Kaleidoscovid-20 forces us to pause, reflect, and reconsider the so-called normal. Perceiving reality from different angles might lead to rethinking facets of the familiar anew. Depending on where, why and how we look at things the templates change. And just as focused as the tunnel vision through the kaleidoscope is, as involuntarily focused is our kaleidoscovidal perception during the Corona period, when social life is limited to a small local radius, enforced by the pandemic reality. At the same time our eyes get sharpened not only for the social inequalities worldwide but (also) for those right in front of us … the (supposedly real) lifeworlds‘ centres and peripheries become distorted. The lives of people, each according to the particular living environment and socio-economic situation, are as diverse and countless as the colourful glass stone mirror formations of the kaleidoscope. Leaving the second eye open helps seeing the world’s differences simultaneously and thus developing shared future visions.

Das missverstandene Zitat

Alltag / Fragen / Gegenwart / Gesellschaft / Interpretation / Soziale Medien / Zitat

Seit wann werden Soziale Medien eigentlich mit Zitaten, die kaum eine Satzlänge überschreiten (tweetable), überschwemmt? Sie erscheinen meist in quadratischem Format vor monochromem Hintergrund (instagramable). Sie kommen Kalendersprüchen oft näher als Zitaten, die per definitionem durch eine Quellenangabe oder einen Literaturnachweis belegt werden; alles andere sind unreflektierte Meinungsfragmente. Kalendersprüche können von erfrischender, kurzweiliger und erkenntnisreicher Qualität sein. So manches “gute, schöne und wahre” Zitat wurde auch vor dem Digital Turn schon in Küchenkalendern abgedroschen.

Es ist ein neues Medienritual; ein Tohuwabohu kurzer Erinnerungen an die Existenz zahlreicher Medienmacher, Unternehmen, öffentlicher Institutionen und allerlei Soloselbständigen, die sich damit teils mehrmals täglich Gehör verschaffen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Schlagzeilenhafte Erkenntnisse scheinen wissenden Orakeln gleich, die gut und schnell verdaubar in den Äther der anderen gespült werden. Daraus ergibt sich ein Panorama der digitalen Gegenwartskultur bzw. ergeben sich in individualisierten Feeds oft absurde Gegenüberstellungen:Politische Aussagen von narzisstisch beeinträchtigten Staatschefs finden sich neben Zeilen aus Bob Dylans neustem Album wieder; antike philosophische Erkenntnisse stehen ökologischen Spültipps gegenüber; jüngste Erkenntnisse aus der deutschen Fleischindustrie finden sich neben zweifelhaften Beautytipps wieder; Fakten über die voranschreitende Abholzung des brasilianischen Regenwalds stehen der Anpreisung von leistungsstarken E-Motoren gegenüber; Updates zur Zahl der Corona-Toten finden sich neben neusten Erkenntnissen aus der Kinderpsychologie wieder; etc.Oder hängt doch alles mit allem zusammen?

Freidenken (2009)

Fragen / Fundstück / Lyrik

Was bedeutet freidenken? Was zeichnet freidenkende Menschen aus? Kann man sich aktiv freidenken? Frei von was? Was hat ein Mensch davon frei zu denken? Woher weiß ein freidenkender Mensch, dass er ein solcher ist und muss er/sie das? Sind selbsterklärte Freidenkende frei? Sind beim freidenken die Gedanken frei, oder der freidenkende Mensch? Was macht ein freidenkender Mensch ohne freie Gedanken? Und was machen freie Gedanken ohne einen freidenkenden Menschen? Können sich Gedanken freidenken? Wie befreien sie sich? Und was haben sie davon? Wer entscheidet, ob ein Gedanke frei gedacht ist? Was machen Gedanken, wenn sie unfrei sind? Gibt es Freigedachtes ohne Ausdrucksmittel? Können freie Gedanken zu zweit sein? Was machen sie zusammen? Können sie in einem unfreien Raum gemeinsam bestehen? Kann man Freigedachtes essen? Was macht ein freidenkender Mensch ohne Hunger?

Teorema. Geometrie der Liebe (Pier Paolo Pasolini, 1968)

Film / Fundstück / Interpretation / um 1968 / Utopie

Ein rasender Reporter interviewt eine Gruppe von Arbeiter*innen und Angestellten auf dem Vorplatz ihrer Fabrik, so startet der Film:

Reporter: Ihr Chef hat seine Fabrik den Arbeitern geschenkt. Wie finden Sie das? Was halten Sie davon? Das ist eine ungeheure Sache, was Ihr Chef da gemacht hat!?

Arbeiter 1: Ja, natürlich.

R: Kann man auf diese Weise nicht eine Revolution verhindern, die sonst irgendwann einmal ausbrechen könnte?

A 1: Kann sein.

R: Aber mit dem was Ihr Chef getan hat, steht er allein da. Könnte es nicht sein, dass heute in der modernen Welt, viele seinem Beispiel folgen?

A 2: Ja, das wäre schon richtig, da müsste es hingehen.

R: Wenn man es mal als Symbol einer neuen Machtverteilung ansieht, dann könnte das, was hier geschehen ist, ein erster Beitrag zu einer Umwandlung der Gesellschaft in lauter kleine Kapitalisten sein.

A 3: Ich glaube nicht, dass es den Kapitalisten gelingt, aus allen Menschen Kapitalisten zu machen. Das glaube ich nicht.

R: Das wäre allerdings die Voraussetzung, sonst hat es keinen Sinn.

[Gruppe lacht]

R: Sie meinen also, dass ein Arbeitgeber, wenn er seine Fabrik den Arbeitern schenkt, oder sonst was tut, den falschen Weg geht!? Meinen Sie das auch?

A 4: Ich sage nichts.

R: Der Kapitalismus müsste seine Lage grundsätzlich revolutionär verändern. Wenn es dem Kapitalismus gelingt, alle Menschen mit sich in Übereinstimmung zu bringen, dann wird er auch keinen Klassenkampf zu führen brauchen; nicht mit der Armee, nicht mit dem Volk und auch mit der Kirche nicht.

A 5: Er würde also verlieren, weil er seine alten Verbündeten verlieren würde?

R: Er steht doch vor ganz neuen Problemen und in einer Situation, die nicht mehr der alten Form des Kapitalismus entspricht, muss er diese Probleme lösen.

A 6: Ja, sicher.

R: Aber? Kann er diese Probleme lösen? Kann er sie lösen?

 

Pasolinis Film fasziniert, weil er die Vielschichtigkeit des gesellschaftlichen Aufbruchs um 1968 einfängt. Und zwar so: Ein junger, lesender Student gastiert bei einer großbürgerlichen Industriellenfamilie. Durch seine Anwesenheit bringt er ihre gesamte Daseinsstruktur durcheinander. Alle Beteiligten lassen sich von seiner puren Präsemz verführen und nähern sich ihm mit erotischer Neugierde: zuerst das Hausmädchen, dann der Sohn, die Tochter, eine Freundin des Hauses und schließlich die Frau des Hauses/Mutter. Er spielt mit ihnen, fast passiv. Der Hausherr/Vater wird dazu parallel auch verführt, aber nicht körperlich, sondern politisch-erratisch. Das Leben aller verändert sich. Dann verschwindet der Student, worauf alle Beteiligten ausgesprochen irritiert reagieren: das Hausmädchen tritt in Hungerstreik und stirbt; die Tochter durchlebt höchst manisch-depressive Episoden und landet in der Psychiatrie; der Sohn stellt sich die großen Lebensfragen, verliert sich im Schöngeistigen und wird Künstler; die Mutter reiht auf der Suche nach Befriedigung eine Liebesaffäre an die andere; und der Vater, der nicht-körperlich Verführte, entscheidet sich auf dem Weg seiner Lebenssinnsuche dafür die eigene Fabrik seinen Arbeiter*innen und Angestellten zu überlassen.

Der Student steht für das utopische Bewusstsein der 1968er, so meine Interpretation, die auch bei der bürgerlichen Gesellschaft ankommt und sie aufmischt. Er ist die personifizierte Energie bzw. Kraft dieser Zeit, die auf allen Ebenen und geschlechterübergreifend in allen Schichten und Altersklassen unterschiedliche Reaktionen hervorruft und wirkt. Der Student kommt von außen, bricht aber von innen heraus auf — Subversion. Es geht um die Übernahme von Perspektiven, die die Innensicht zu verwandeln im Stande sind. Alles wird neu gedacht, auch entgegen dem vorherrschenden Schamgefühl und der Moral.

Nicht zu übersehen sind die traditionell geprägten Geschlechterverhältnisse bzw. Rollenzuschreibungen: die Frauen verfallen allesamt in dysfunktionale Untätigkeit (Anorexie, Apathie, Hysterie, Nymphomanie etc.), sie verlieren sich, bringen sich um, verschwinden, werden gesellschaftsuntauglich. Die beiden männlichen Protagonisten schreiten jedoch zu heldenhaften Taten: der Sohn thematisiert die großen Gesellschaftsfragen in seinem künstlerischem Schaffen; und der Hausherr/Vater übernimmt konkrete politische Verantwortung und vergesellschaftet seine Produktionsmittel, womit er nichts geringeres als die Möglichkeit auf eine gesellschaftspolitische Systemveränderung in Aussicht stellt.

 

Berck und Subutex

Gesellschaft / Lesen / Literatur / Postmoderne / um 1900 / Zitat

Die zweifelhafte Angewohnheit stets mehrere Bücher für das private Vergnügen parallel zu lesen hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile überwiegen, z. B. hat man eine sich langsam aber immerzu verändernde Dauerauswahl, die allen Stimmungen und Gelegenheiten gerecht wird; setzt sich eines der ausgewählten Werke über längere Zeit nicht durch, bekommt ein anderes mehr Raum … und manchmal ergeben sich widerstreitende Synergien von denen man vorher nichts ahnte, die aber zu überraschenden Reflexionen anregen können. Neulich ergab sich, beim Parallellesen zweier, naja, sagen wir Klassiker, ein unvorhergesehener Zusammenprall von Sprechgewohnheiten, Milieus und Welten, deren Entstehungszeiten einander 120 Jahre trennen: „Sommer in Lesmona“, ein poetisch zarter Briefwechsel von Marga Berck und Bertha Elking, Freundinnen aus Kindertagen, deren jugendliche Sorge sich vor allem um eine bald verspielte Liebe im deutschen Bürgermilieu um 1900 dreht (eine Empfehlung von Wolfgang Herrndorf in „Arbeit und Struktur“) und „Das Leben des Vernon Subutex“, eine 3-bändige schonungslose Gesellschaftsanalyse verpackt in ein hedonistisch-postmodernes Personenpanorama, das in der Pariser Kulturszene um die letzte Jahrtausendwende spielt, verfasst von Virginie Despentes (ein französischer Bestseller, auch hierzulande). Im Folgenden sind bezeichnende Abschnitte unkommentiert nebeneinandergestellt:

Lesmona, Dienstag, den 5. Juni. Liebe liebste Bertha! […] Wir hatten dann also eine kleine Sommergesellschaft — zwanzig Personen zu Tisch, wie Onkel H. so ja oft hat. Dies waren nun hauptsächlich die jungen Ehepaare aus der Familie. Diese Frauen sehen ja wirklich alle so bezaubernd aus! Ich weiß nicht, ob Cata oder Mimi die Schönste war […] und alle in so eleganten Sommertoiletten. Onkel Herbert strahlte vor Stolz über seine Familie! An Unverheirateten waren nur Ally, Evi und ich mit Max, Percy und diesem Dr. jur. v. Sch. aus Wien, […]. Onkel Herbert hatte Max und Percy von mir weggesetzt, damit wir nicht cliquen sollten. Jetzt, wo Fräulein Kaiser weg ist, steckt Heinrich die Blumen ein, und er stopft immer viel zuviel in die Vasen und Schalen. […] Es war nun aber so, daß bei Tisch niemand sein vis-à-vis sehen konnte, und das war doch ungeschickt. Auch Percy und ich konnten uns absolut nicht sehen! Als Heinrich mir nun irgend etwas servierte, legte er einen kleinen zusammengefalteten Zettel neben meinen Teller. Ich las folgende Bleistiftworte: “Daisy, where are you? — I can’t see you, what an aweful arrangement!” Ich wurde knallrot, behielt den Zettel erst in der Hand und steckte ihn dann in die Tasche. […] Warum soll ich mich um die Zukunft quälen, wenn die Gegenwart sooo schön ist? […] In großer Liebe Deine Matti.

Marga Berck (2017 [1895]) Sommer in Lesmona
40. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S 51-56.

 

[Vernon] versucht zu begreifen, wie er seinen iPod am Verstärker anschließen muss, und macht das Radio an. Alex’ Stimme erfüllt das Zimmer. “… et si je dors entre tes bras c’est qu’une autre que toi n’a pas voulu de moi.” Er hat gern sadistischen Schwachsinn gesungen, machte einen auf Gainsbourg für Teenies. Aus den Boxen ergießt sich ein geschmeidiger aquatischer Basssound ins Zimmer — geslappte Noten, die sich zu Blasen runden, ein bisschen funky, aber von fuzzy Riffs verdunkelt. Alex’ Stimme ist auf dieser ersten Platte verächtlich, höhnisch, aggressiv. Sexy, auch für Männer. […]

Vernon ist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Seit er da ist, kommen so viele Erinnerungen hoch. Wenn sie in den Laden kam, machte er ihr hinten sein Büro auf, damit sie heimlich einen Joint rauchen konnte. Oder sie schloss die Tür und legte sich ein paar Lines Heroin, das sie sich damals noch nicht spritzte. […] Während der Schwangerschaft war sie clean, hat aber beim ersten Fläschchen wieder angefangen und erst wirklich in einer Schweizer Klinik aufgehört, als Lancelot lesen lernte. […] [J]etzt, wo Lancelot aus dem Haus ist und ihre Schönheit sowieso den Bach runtergeht — warum soll sie es sich da nicht gut gehen lassen? Sie hat immer von Altenheimen geträumt, in denen man sich seine Medikamente selbst auswählen kann — MDMA, Kokain, Hasch, Morphium oder Crack. Warum sollte man sich nicht die Birne vollknallen, wenn es eh vorbei ist? […]

Mit der abflauenden Euphorie eines Morgens nach dem Koks hatten sie den ganzen Tag in der Wohnung rumgehangen. […] Plötzlich hatte Lydia innegehalten und Vernon besprungen. Im Wortsinn, sie machte einen kleinen Satz auf seinen Rücken und umschlang ihn, eine etwas zu ungeschickte Geste, um ihn zu rühren. Am Anfang gefiel ihm ihre Art, zu küssen, nicht besonders […]. Die Kleine gehörte zur Generation Porno, sie simulierte mit unangenehmer Inbrunst und ließ sich von allen Seiten nehmen. Irgendwann machte es Vernon doch heiß. […] Aber als er abspritzte, empfand er nicht viel. […]

Er hat nie richtig verstanden, womit Gaëlle ihr Geld verdient, sie hat keine feste Wohnung und keine Kinder, hat ihre Funktionsweise nicht geändert, seit sie zwanzig ist. Sie sieht fünfzehn Jahre jünger aus, als sie ist, und meint, das komme daher, dass sie nie Make-up benutzt. Sie ist ein Töchterchen aus gutem Hause. Er hat nicht den Eindruck, dass sie viel Geld hat — der Bierpreis erschreckt sie ebenso wie Vernon. Aber sie hat die Geisteshaltung einer Prinzessin. Verlieren kommt in ihrer Psyche nicht vor. […] Gaëlle schwebt über der Belanglosigkeit des Materiellen. Nichts zu haben hilft ihr, oberflächlich zu bleiben.

Virginie Despentes (2019 [Frz. 2015]) Das Leben des Vernon Subutex, Bd 1
5. Auflage. Kiepenheuer und Witsch, Köln, S 90, 130-131, 204-205, 213. 

 

Frauen und Macht

Feminismus / Liste / Literatur / Patriarchat

Es ist wichtig, sich die eigene Handlungsfähigkeit vor Augen zu führen — jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr — und Literatur zu erschließen, die dazu alltäglich ermutigt. Die Perspektiven von entsprechenden Autor*innen changieren, ähneln sich mitunter bis zur Redundanz. Es gilt zu lesen, zu sehen und zu verstehen … bis zu dem Punkt, an dem man die kanonischen Stimmen und die neuerer Denker*innen verinnerlicht hat — immer wieder, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr. Ich werde nicht müde es zu wiederholen. Die Wiederholungen scheinen nötig und angemessen. Eine persönliche Literaturliste auf dem Weg zur weiblichen Selbstermächtigung, alphabetisch:

Adichie, Chimamanda Ngozi (2018 [Engl. 2014]) Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories. Fischer, Frankfurt/M.
Beard, Mary (2018 [Engl. 2017]) Frauen und Macht. Ein Manifest. Fischer, Frankfurt/M.
Beauvoir, Simone de (2012 [Frz. 1949]) Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
Bollmann, Stefan (2005) Frauen, die lesen, sind gefährlich. Sandmann, München.
Bornemann, Ernest (1975) Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems. Fischer, Frankfurt/M.
Bovenschen, Silvia (2015) Sarahs Gesetz. Fischer, Frankfurt/M.
Davis, Angela (1981) Women, Race and Class. Random House, New York/NY.
Donath, Orna (2016) #Regretting Motherhood. Wenn Mütter bereuen. Knaus, München.
Dickinson, Emily (2019 [Engl. 1861]) Hope Is the Thing With Feathers. The Complete Poems. Gibbs Smith, Layton/UT.
Feldman, Deborah (2017 [Engl. 2012]) Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. btb Verlag, München.
Fine, Cordelia (2012 [Engl. 2010]) Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau. Klett-Cotta, Stuttgart.
Flaßpöhler, Svenja (2018) Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Ullstein, Berlin.
Frieling, Simone (2010) Im Zimmer meines Lebens. Biografische Essays über Sylvia Plath, Gertrude Stein, Virginia Woolf, Marina Zwetajewa u. a. Edition Ebersbach, Berlin.
Guérot, Ulrike (2019) Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie. 3. Auflage. Piper, München.
hooks, bell (2015 [2000]) Feminism is For Everybody. Passionate Politics. Routledge, New York/NY.
Kelly, Natasha A. (Hrsg) (2019) Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Unrast Verlag, Münster.
Kuhlmann, Dörte (2009 [2003]) Raum, Macht und Differenz. Genderstudien in der Architektur. edition selene, Wien.
Lessing, Doris (2013 [Engl. 1962]) Das goldene Notizbuch. Fischer, Frankfurt/M.
Lorde, Audre u. Rich, Adrienne (1993 [Engl. 1983]) Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte. Hrsg. v. Dagmar Schultz, Orlanda Frauenverlag, Berlin.
Obama, Michelle (2018) Becoming. Crown, New York/NY.
Paglia, Camille (1991) Sexual Personae. Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson. Vintage Books, New York/NY.
Palmen, Connie (2018 [Niederl. 2017]) Die Sünde der Frau. Diogenes, Zürich/CH.
Piercy, Marge (2016 [Engl. 1991]) Er, Sie und Es. Argument, Hamburg.
Pizan, Christine de (1990 [Frz. 1405]) Das Buch von der Stadt der Frauen. DTV, München.
Reinhard, Rebekka (2015) Kleine Philosophie der Macht. Nur für Frauen. Ludwig, München.
Rullmann, Marit (Hrsg) (1998) Philosophinnen. 2 Bde. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Schlaffer, Hannelore (2011) Die intellektuelle Ehe. Der Plan vom Leben als Paar. Hanser, München. 
Solnit, Rebecca (2017 [Engl. 2014]) Wenn Männer mir die Welt erklären. Essays. btb Verlag, München.
Stokowski, Margarete (2016) Untenrum frei. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg.
Woolf, Virginia (2012 [Engl. 1929]) Ein eigenes Zimmer. Fischer, Frankfurt/M.
Young-Bruehl, Elisabeth (2013 [Engl. 1982]) Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Fischer, Frankfurt/M.

Einsamkeit in der Großstadt

Architektur / Corona 2020 / Gesellschaft / Politik / Spätmoderne

Einige Monate bevor die Weltgesellschaft ahnte, dass ihr ein globaler Ausnahmezustand bevorstehen und das Thema Einsamkeit als eines der drängendsten Themen unserer Zeit besprochen werden wird … ist mir das Phänomen Einsamkeit in der Großstadt im Zuge einer Recherche als ein drängendes architektonisches Thema aufgefallen. Ein Thema, das vor allem ältere, alleinstehende Menschen betrifft; aber auch viele andere. Es sollte ein studentischer Workshop zu neuen Wohnformen werden, der letztlich abgesagt wurde. Ein traditionelles Zusammenleben der Großfamilie gibt es, vor allem in Städten, heute nicht mehr. Bürgerliche Kernfamilien, ein Elternpaar mit eins zwei drei Kindern, leben in Wohnungen, die im besten Falle ca. 30 qm für jedes Mitglied bereithalten, vielleicht plus Außenfläche, Balkon oder Garten. Schön, wenn der Familienverbund gut funktioniert.

Ist das Zusammenleben dysfunktional, d. h. es wird aus einem Grund xyz nicht als solidarische Gemeinschaft erlebt, ob nun verwandtschaftlich oder in anderen Konstellationen, dann spielen (tendenziell negative) Effekte der gefühlten Einsamkeit für das körperliche und seelische Wohlbefinden eine entscheidende Rolle.

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt unterscheidet zwischen Alleinsein (Solitude), Einsamkeit (Loneliness) und Isolation. Vereinfacht dargestellt: Das Alleinsein kann durchaus produktiv sein bzw. genutzt werden und ist teils selbst gewählt. Die Einsamkeit ist auf Dauer für die Gesundheit besorgniserregend und meist nicht selbst gewählt. Die Isolation ist unfreiwillig, z. B. durch Haft, Armut oder auch Krankheit und gilt als Symptom totalitärer Regime (wozu unter Umständen auch die neoliberale Herrschaft zählt) und wird in diesen auch als Werkzeug eingesetzt, um unliebsame kritische Stimmen oder auch die politische Handlungsfähigkeit von Menschen (nicht nur an den gesellschaftlichen Rändern) kontrollieren bzw. unterdrücken zu können.

You’ve got me there

Lesen / Literatur / Nachbarschaft / Zitat

What they both knew, I am sure, was that I was simply in love with the idea of a strange idea, and that given some other way of expressing my enthusiasms, I would be quite content. They were right, of course, and this was only further driven home by actually watching the sloths at the National Zoo. If there is anything more boring than watching a sloth — other than watching cricket, perhaps, or the House Appropriations Committee meetings on C-SPAN — I have yet to come across it. I had never been so grateful to return to the prosaic world of my dog, who, by comparison, seemed Newtonian in her complexity.

Kay Redfield Jamison (1996)
An Unquiet Mind. A Memoir of Moods and Madness, p 20

Lehre auf Distanz

Alltag / Architekturtheorie / Corona 2020 / Kommunikation / Lehre / Uni Kassel

Der Unterricht auf Distanz ist für alle Beteiligten eine gewöhnungsbedürftige Situation. Die Universitäten sind, wie alle anderen gesellschaftsrelevanten Institutionen, zunächst einmal auf die entsprechende technische Ausrüstung (Hardware, Internetverbindung) und Support (Software-Lizenzen) angewiesen. Außerdem muss man auf IT-beflissene und digitalversierte Menschen vertrauen, die die Geduld aufbringen sich mit den Irritationen der Lehrenden auseinanderzusetzen. Erst dann kommt die Kommunikations- bzw. Vermittlungsfrage und am Schluss folgen die Inhalte.

Ein digitaler Seminarraum, was ist das? Ein Beispiel: 25 Personen befinden sich zur selben Zeit mit der selben Motivation im selben virtuellen Raum. Okay. Man kennt das seit Jahren von privaten Skype-Gesprächen, ob mit oder ohne Video; erfahrungsgemäß allerdings bisher meist in kleineren Runden. Alle Involvierten respektieren dieselben gesellschaftlichen Regeln: Einander zuhören, sich aussprechen lassen, Interesse und Verständnis zeigen, auch dann wenn es zu Missverständnissen kommt; sei es, weil die Verbindung unterbrochen wurde, ob technisch oder intellektuell, das relativiert sich in dieser Situation mitunter.

Meine Studierenden stehen der Situation sehr offen und gelassen gegenüber — I strongly believe in you lovely future people!

Fernweh und Erinnerungen

Alltag / Corona 2020 / Liste / Reisen

Erinnerungen fallen oft ungewollt aus heiterem Himmel in die halbdunkle Schlaflosigkeit. Dann liegen sie im Gedankenraum herum, wie aufdringlich schillernde Kristalle, die längst Vergangenes in zahllosen Facetten, kaleidoskopartig widerspiegeln und betrachtet werden wollen. Menschen. Orte. Je nachdem, schmerzhaft schön, irritierend reuevoll, mit ungeliebten Einschlüssen der Vergangenheit oder Lichtreflexen auf die Gegenwart.

Was wäre, wenn man mit hellseherischem Weitblick anders gehandelt hätte? Das kann aufwühlen, beruhigt aber genau besehen, denn diese Art der Unwissenheit bindet Entscheidungen mit spielerischer Naivität an die jeweilige Situation zurück, auch ans Jetzt. Könnte man mit wissendem Blick in die Zukunft entscheiden, wäre das Leben vermutlich nicht er-lebbar.

Im Moment erinnere ich vor allem konkrete Orte und Straßen, in denen ich längere Zeit gelebt habe; verbunden mit einer Spur Wehmut bzw. Fernweh — Phase-Eins der Corona-Pandemie geschuldet. In aller biografischen Kürze: Wiesbadener Kindheit und Jugend, Zwischenstation Garmisch-Partenkirchen, Studium in Stuttgart, Sinnsuche in Tallinn, traumwandlerische Passage in Paris, Horizontsprengung in London, noch einmal Stuttgart und in den letzten Jahren Berlin. Berlin. Berlin, mit viel Raum für die ewig Suchenden.

Dazu gesellt sich so manche Reise, die mich auf ihre je eigene Weise mit der Welt verbindet; oft vermittelt durch das Studium der Architektur. Auswahl, alphabetisch: Amsterdam, Bethlehem, Bologna, Bratislava, Budapest, Caracas, Como, Dresden, Dubrovnik, Florenz, Haifa, Jerusalem, Kaunas, Leipzig, Lissabon, Lyon, Mailand, Marseille, München, Nowgorod, Padua, Peking, Porto, Prag, Reims, Salzburg, Shenyang, Siena, St. Petersburg, Tel Aviv, Urbino, Venedig, Vicenza, Vilnius, Warschau, Wien, Zürich … ach, und die Landschaften, das Rheingau und der Niederrhein, so manche Nordseeinsel und Rügen, das Allgäu, diverse Bodenseeufer, die südenglische Isle of Wight, Nord- und Ostküstenabschnitte des Mittelmeers, Korsika und Sardinien, die Toskana und Ligurien, der Atlantik in Frankreich und Portugal, die österreichischen Alpen und die Märkische Schweiz.

Dann gibt es Städte, die mir Phantomschmerzen bereiten bzw. an die mir schlicht Erinnerungen fehlen, weil ich den Plänen, sie zu besuchen, nicht nachkommen konnte: zuerst Casablanca, dann Athen, Barcelona, Kairo, Ljubljana, Moskau, Mumbai und nicht zuletzt Rom (ja!); Liste unvollständig.

Seltsame Stille

Alltag / Berlin-Wedding / Corona 2020

Durch die offenen Fenster dringen Kinderrufe, Fernsehansprachen, Radiosendungen und Balkongespräche — undeutlich, scheinbar aus dem dritten Hinterhof. Es ist Freitagnachmittag und warm — 18:00, 20° — der Frühling geht in den Sommer über. Die Sonne scheint, passiv. Ich kann mich nicht erinnern, ob es diese seltsame Stille auch vor sechs Wochen schon gab. Die Gesellschaft wartet. Aber auf was?

Politische Ökonomie

Dissertation / Kommentar / Weltganzes / Wirtschaft

Im Jahre 1971 wurde der Grundstein für das heutige Wirtschaftssystem gelegt, indem der US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars aufhob. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte der Club of Rome den Bericht Die Grenzen des Wachstums (1972), aus dem hervorging, dass das unkontrollierte Wirtschaftswachstum die Menschheit in eine ökologische Krise führen wird. Im Jahre 1973 trug sich die erste Ölpreiskrise zu, die den Industriestaaten ihre Abhängigkeit von fossiler Energie demonstrierte. Gleichzeitig brach das Bretton-Woods-Abkommen — die „stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarktes“ seit 1944 — zusammen, wodurch sich das Finanzmarktgeschehen globalisierte und verselbstständigte; infolgedessen und weiteren Liberalisierungen des Finanzsektors ist auch die Weltwirtschaftskrise 2007/08 einzustufen (Schimank: 2012).

Im Jahre 1979 vollzog sich der Wandel von der fordistischen zur postfordistischen Ökonomie, d. h. verkürzt dargestellt die Verschiebung von einer nachfrage- zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik (festzumachen an der starken Leitzins-Erhöhung der US-Notenbank um 20 Punkte), die die heutige wirtschaftliche Realität konstituiert. Im selben Jahr veröffentlicht Lyotard Das postmoderne Wissen (1979), in dem er die universellen Metaerzählungen von Freiheit und Aufklärung angreift, die der Geschichte der Moderne ein kollektives Subjekt unterstellten und damit die kleinen Geschichten bzw. Identitäten zugunsten einer übergreifenden Identität auslöschten (Lyotard zit. nach Breitenstein: 2013). Kaum später veröffentlicht Sloterdijk seine Kritik der zynischen Vernunft (1983), eine ideologiekritische Diagnose zum Geisteszustand des „nachaufgeklärten Zynismus“ (Sloterdijk: 1983).

Obwohl in dieser Zeit noch politische Systeme und Ideen existierten, die zumindest dem Namen nach Alternativen zum Kapitalismus darstellen, erklärte die großbritannische Premierministerin Margaret Thatcher im Jahr 1984 die im Aufbau begriffene neoliberale Wirtschaftsideologie für alternativlos und dass es so etwas wie Gesellschaft ohnehin nicht gäbe.

Die US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde kritisiert zur gleichen Zeit, dass eine Gesellschaft, die das Gute weniger im Hinblick auf menschliche Bedürfnisse, sondern eher im Hinblick auf Profit definiert „immer eine Gruppe von Menschen [braucht], die man durch systematisierte Unterdrückung glauben machen kann, daß sie überflüssig seien, daß sie zu den dehumanisierten Minderwertigen [d. h. Schwarze und Dritte-Welt-Menschen, Arbeiter*nnen, ältere Menschen und Frauen] gehören. […] Ein Großteil der westeuropäischen Geschichtsschreibung konditioniert uns, menschliche [und kulturelle] Unterschiede in simplifizierter Form als Polaritäten zu sehen: dominierend/untergeordnet, gut/schlecht, oben/unten, überlegen/unterlegen.” (Lorde: 1981).

Auszug: Meireis (2019) Manuskript “Mikrotopoi der Architektur”, S. 286-288

Lärmender Realismus

Corona 2020 / Dystopie / Utopie

In Krisenzeiten haben Zukunftsspekulationen Hochkonjunktur; hört man sich derzeit um, halten sich utopische und dystopische Szenarien die Waage. Die Hoffnungsvollen sprechen von einer neuen gesellschaftlichen Solidarität, die auch der Umwelt zugutekäme und unterzeichnen Petitionen, z. B. für das bedingungslose Grundeinkommen; die Rede von der “Krise als Chance” wird dabei überstrapaziert. Die weniger Hoffnungsvollen befürchten die Zementierung von Ungleichheiten und den Einfall überwachungskapitalistischer Technologien in die — im Namen der Sicherheit — geöffneten, digitalen Tore; das wird als Angriff auf menschliche Grundrechte und in der Konsequenz als Erosion der Demokratie gewertet.

Welche Lehren die Menschen aus der Corona-Pandemie ziehen werden bleibt abzuwarten. Aber nichts ist lähmender als der lärmende “back to normal”-Realismus derjenigen, die ihre Macht ausgedehnt und sich in ihrem Status quo, Veränderung befürchtend, eingerichtet haben.