Freidenken (2009)

Fragen / Fundstück / Lyrik

Was bedeutet freidenken? Was zeichnet freidenkende Menschen aus? Kann man sich aktiv freidenken? Frei von was? Was hat ein Mensch davon frei zu denken? Woher weiß ein freidenkender Mensch, dass er ein solcher ist und muss er/sie das? Sind selbsterklärte Freidenkende frei? Sind beim freidenken die Gedanken frei, oder der freidenkende Mensch? Was macht ein freidenkender Mensch ohne freie Gedanken? Und was machen freie Gedanken ohne einen freidenkenden Menschen? Können sich Gedanken freidenken? Wie befreien sie sich? Und was haben sie davon? Wer entscheidet, ob ein Gedanke frei gedacht ist? Was machen Gedanken, wenn sie unfrei sind? Gibt es Freigedachtes ohne Ausdrucksmittel? Können freie Gedanken zu zweit sein? Was machen sie zusammen? Können sie in einem unfreien Raum gemeinsam bestehen? Kann man Freigedachtes essen? Was macht ein freidenkender Mensch ohne Hunger?

Teorema. Geometrie der Liebe (Pier Paolo Pasolini, 1968)

Film / Fundstück / Interpretation / um 1968 / Utopie

Ein rasender Reporter interviewt eine Gruppe von Arbeiter*innen und Angestellten auf dem Vorplatz ihrer Fabrik, so startet der Film:

Reporter: Ihr Chef hat seine Fabrik den Arbeitern geschenkt. Wie finden Sie das? Was halten Sie davon? Das ist eine ungeheure Sache, was Ihr Chef da gemacht hat!?

Arbeiter 1: Ja, natürlich.

R: Kann man auf diese Weise nicht eine Revolution verhindern, die sonst irgendwann einmal ausbrechen könnte?

A 1: Kann sein.

R: Aber mit dem was Ihr Chef getan hat, steht er allein da. Könnte es nicht sein, dass heute in der modernen Welt, viele seinem Beispiel folgen?

A 2: Ja, das wäre schon richtig, da müsste es hingehen.

R: Wenn man es mal als Symbol einer neuen Machtverteilung ansieht, dann könnte das, was hier geschehen ist, ein erster Beitrag zu einer Umwandlung der Gesellschaft in lauter kleine Kapitalisten sein.

A 3: Ich glaube nicht, dass es den Kapitalisten gelingt, aus allen Menschen Kapitalisten zu machen. Das glaube ich nicht.

R: Das wäre allerdings die Voraussetzung, sonst hat es keinen Sinn.

[Gruppe lacht]

R: Sie meinen also, dass ein Arbeitgeber, wenn er seine Fabrik den Arbeitern schenkt, oder sonst was tut, den falschen Weg geht!? Meinen Sie das auch?

A 4: Ich sage nichts.

R: Der Kapitalismus müsste seine Lage grundsätzlich revolutionär verändern. Wenn es dem Kapitalismus gelingt, alle Menschen mit sich in Übereinstimmung zu bringen, dann wird er auch keinen Klassenkampf zu führen brauchen; nicht mit der Armee, nicht mit dem Volk und auch mit der Kirche nicht.

A 5: Er würde also verlieren, weil er seine alten Verbündeten verlieren würde?

R: Er steht doch vor ganz neuen Problemen und in einer Situation, die nicht mehr der alten Form des Kapitalismus entspricht, muss er diese Probleme lösen.

A 6: Ja, sicher.

R: Aber? Kann er diese Probleme lösen? Kann er sie lösen?

 

Pasolinis Film fasziniert, weil er die Vielschichtigkeit des gesellschaftlichen Aufbruchs um 1968 einfängt. Und zwar so: Ein junger, lesender Student gastiert bei einer großbürgerlichen Industriellenfamilie. Durch seine Anwesenheit bringt er ihre gesamte Daseinsstruktur durcheinander. Alle Beteiligten lassen sich von seiner puren Präsemz verführen und nähern sich ihm mit erotischer Neugierde: zuerst das Hausmädchen, dann der Sohn, die Tochter, eine Freundin des Hauses und schließlich die Frau des Hauses/Mutter. Er spielt mit ihnen, fast passiv. Der Hausherr/Vater wird dazu parallel auch verführt, aber nicht körperlich, sondern politisch-erratisch. Das Leben aller verändert sich. Dann verschwindet der Student, worauf alle Beteiligten ausgesprochen irritiert reagieren: das Hausmädchen tritt in Hungerstreik und stirbt; die Tochter durchlebt höchst manisch-depressive Episoden und landet in der Psychiatrie; der Sohn stellt sich die großen Lebensfragen, verliert sich im Schöngeistigen und wird Künstler; die Mutter reiht auf der Suche nach Befriedigung eine Liebesaffäre an die andere; und der Vater, der nicht-körperlich Verführte, entscheidet sich auf dem Weg seiner Lebenssinnsuche dafür die eigene Fabrik seinen Arbeiter*innen und Angestellten zu überlassen.

Der Student steht für das utopische Bewusstsein der 1968er, so meine Interpretation, die auch bei der bürgerlichen Gesellschaft ankommt und sie aufmischt. Er ist die personifizierte Energie bzw. Kraft dieser Zeit, die auf allen Ebenen und geschlechterübergreifend in allen Schichten und Altersklassen unterschiedliche Reaktionen hervorruft und wirkt. Der Student kommt von außen, bricht aber von innen heraus auf — Subversion. Es geht um die Übernahme von Perspektiven, die die Innensicht zu verwandeln im Stande sind. Alles wird neu gedacht, auch entgegen dem vorherrschenden Schamgefühl und der Moral.

Nicht zu übersehen sind die traditionell geprägten Geschlechterverhältnisse bzw. Rollenzuschreibungen: die Frauen verfallen allesamt in dysfunktionale Untätigkeit (Anorexie, Apathie, Hysterie, Nymphomanie etc.), sie verlieren sich, bringen sich um, verschwinden, werden gesellschaftsuntauglich. Die beiden männlichen Protagonisten schreiten jedoch zu heldenhaften Taten: der Sohn thematisiert die großen Gesellschaftsfragen in seinem künstlerischem Schaffen; und der Hausherr/Vater übernimmt konkrete politische Verantwortung und vergesellschaftet seine Produktionsmittel, womit er nichts geringeres als die Möglichkeit auf eine gesellschaftspolitische Systemveränderung in Aussicht stellt.

 

Berck und Subutex

Gesellschaft / Lesen / Literatur / Postmoderne / um 1900 / Zitat

Die zweifelhafte Angewohnheit stets mehrere Bücher für das private Vergnügen parallel zu lesen hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile überwiegen, z. B. hat man eine sich langsam aber immerzu verändernde Dauerauswahl, die allen Stimmungen und Gelegenheiten gerecht wird; setzt sich eines der ausgewählten Werke über längere Zeit nicht durch, bekommt ein anderes mehr Raum … und manchmal ergeben sich widerstreitende Synergien von denen man vorher nichts ahnte, die aber zu überraschenden Reflexionen anregen können. Neulich ergab sich, beim Parallellesen zweier, naja, sagen wir Klassiker, ein unvorhergesehener Zusammenprall von Sprechgewohnheiten, Milieus und Welten, deren Entstehungszeiten einander 120 Jahre trennen: „Sommer in Lesmona“, ein poetisch zarter Briefwechsel von Marga Berck und Bertha Elking, Freundinnen aus Kindertagen, deren jugendliche Sorge sich vor allem um eine bald verspielte Liebe im deutschen Bürgermilieu um 1900 dreht (eine Empfehlung von Wolfgang Herrndorf in „Arbeit und Struktur“) und „Das Leben des Vernon Subutex“, eine 3-bändige schonungslose Gesellschaftsanalyse verpackt in ein hedonistisch-postmodernes Personenpanorama, das in der Pariser Kulturszene um die letzte Jahrtausendwende spielt, verfasst von Virginie Despentes (ein französischer Bestseller, auch hierzulande). Im Folgenden sind bezeichnende Abschnitte unkommentiert nebeneinandergestellt:

Lesmona, Dienstag, den 5. Juni. Liebe liebste Bertha! […] Wir hatten dann also eine kleine Sommergesellschaft — zwanzig Personen zu Tisch, wie Onkel H. so ja oft hat. Dies waren nun hauptsächlich die jungen Ehepaare aus der Familie. Diese Frauen sehen ja wirklich alle so bezaubernd aus! Ich weiß nicht, ob Cata oder Mimi die Schönste war […] und alle in so eleganten Sommertoiletten. Onkel Herbert strahlte vor Stolz über seine Familie! An Unverheirateten waren nur Ally, Evi und ich mit Max, Percy und diesem Dr. jur. v. Sch. aus Wien, […]. Onkel Herbert hatte Max und Percy von mir weggesetzt, damit wir nicht cliquen sollten. Jetzt, wo Fräulein Kaiser weg ist, steckt Heinrich die Blumen ein, und er stopft immer viel zuviel in die Vasen und Schalen. […] Es war nun aber so, daß bei Tisch niemand sein vis-à-vis sehen konnte, und das war doch ungeschickt. Auch Percy und ich konnten uns absolut nicht sehen! Als Heinrich mir nun irgend etwas servierte, legte er einen kleinen zusammengefalteten Zettel neben meinen Teller. Ich las folgende Bleistiftworte: “Daisy, where are you? — I can’t see you, what an aweful arrangement!” Ich wurde knallrot, behielt den Zettel erst in der Hand und steckte ihn dann in die Tasche. […] Warum soll ich mich um die Zukunft quälen, wenn die Gegenwart sooo schön ist? […] In großer Liebe Deine Matti.

Marga Berck (2017 [1895]) Sommer in Lesmona
40. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S 51-56.

 

[Vernon] versucht zu begreifen, wie er seinen iPod am Verstärker anschließen muss, und macht das Radio an. Alex’ Stimme erfüllt das Zimmer. “… et si je dors entre tes bras c’est qu’une autre que toi n’a pas voulu de moi.” Er hat gern sadistischen Schwachsinn gesungen, machte einen auf Gainsbourg für Teenies. Aus den Boxen ergießt sich ein geschmeidiger aquatischer Basssound ins Zimmer — geslappte Noten, die sich zu Blasen runden, ein bisschen funky, aber von fuzzy Riffs verdunkelt. Alex’ Stimme ist auf dieser ersten Platte verächtlich, höhnisch, aggressiv. Sexy, auch für Männer. […]

Vernon ist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Seit er da ist, kommen so viele Erinnerungen hoch. Wenn sie in den Laden kam, machte er ihr hinten sein Büro auf, damit sie heimlich einen Joint rauchen konnte. Oder sie schloss die Tür und legte sich ein paar Lines Heroin, das sie sich damals noch nicht spritzte. […] Während der Schwangerschaft war sie clean, hat aber beim ersten Fläschchen wieder angefangen und erst wirklich in einer Schweizer Klinik aufgehört, als Lancelot lesen lernte. […] [J]etzt, wo Lancelot aus dem Haus ist und ihre Schönheit sowieso den Bach runtergeht — warum soll sie es sich da nicht gut gehen lassen? Sie hat immer von Altenheimen geträumt, in denen man sich seine Medikamente selbst auswählen kann — MDMA, Kokain, Hasch, Morphium oder Crack. Warum sollte man sich nicht die Birne vollknallen, wenn es eh vorbei ist? […]

Mit der abflauenden Euphorie eines Morgens nach dem Koks hatten sie den ganzen Tag in der Wohnung rumgehangen. […] Plötzlich hatte Lydia innegehalten und Vernon besprungen. Im Wortsinn, sie machte einen kleinen Satz auf seinen Rücken und umschlang ihn, eine etwas zu ungeschickte Geste, um ihn zu rühren. Am Anfang gefiel ihm ihre Art, zu küssen, nicht besonders […]. Die Kleine gehörte zur Generation Porno, sie simulierte mit unangenehmer Inbrunst und ließ sich von allen Seiten nehmen. Irgendwann machte es Vernon doch heiß. […] Aber als er abspritzte, empfand er nicht viel. […]

Er hat nie richtig verstanden, womit Gaëlle ihr Geld verdient, sie hat keine feste Wohnung und keine Kinder, hat ihre Funktionsweise nicht geändert, seit sie zwanzig ist. Sie sieht fünfzehn Jahre jünger aus, als sie ist, und meint, das komme daher, dass sie nie Make-up benutzt. Sie ist ein Töchterchen aus gutem Hause. Er hat nicht den Eindruck, dass sie viel Geld hat — der Bierpreis erschreckt sie ebenso wie Vernon. Aber sie hat die Geisteshaltung einer Prinzessin. Verlieren kommt in ihrer Psyche nicht vor. […] Gaëlle schwebt über der Belanglosigkeit des Materiellen. Nichts zu haben hilft ihr, oberflächlich zu bleiben.

Virginie Despentes (2019 [Frz. 2015]) Das Leben des Vernon Subutex, Bd 1
5. Auflage. Kiepenheuer und Witsch, Köln, S 90, 130-131, 204-205, 213. 

 

Frauen und Macht

Feminismus / Liste / Literatur / Patriarchat

Es ist wichtig, sich die eigene Handlungsfähigkeit vor Augen zu führen — jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr — und Literatur zu erschließen, die dazu alltäglich ermutigt. Die Perspektiven von entsprechenden Autor*innen changieren, ähneln sich mitunter bis zur Redundanz. Es gilt zu lesen, zu sehen und zu verstehen … bis zu dem Punkt, an dem man die kanonischen Stimmen und die neuerer Denker*innen verinnerlicht hat — immer wieder, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr. Ich werde nicht müde es zu wiederholen. Die Wiederholungen scheinen nötig und angemessen. Eine persönliche Literaturliste auf dem Weg zur weiblichen Selbstermächtigung, alphabetisch:

Adichie, Chimamanda Ngozi (2018 [Engl. 2014]) Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories. Fischer, Frankfurt/M.

Beard, Mary (2018 [Engl. 2017]) Frauen und Macht. Ein Manifest. Fischer, Frankfurt/M.

Beauvoir, Simone de (2012 [Frz. 1949]) Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Bollmann, Stefan (2005) Frauen, die lesen, sind gefährlich. Sandmann, München

Bornemann, Ernest (1975) Das Patriarchat. Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems. Fischer, Frankfurt/M.

Bovenschen, Silvia (2015) Sarahs Gesetz. Fischer, Frankfurt/M.

Davis, Angela (1981) Women, Race and Class. Random House, New York/NY

Donath, Orna (2016) #Regretting Motherhood. Wenn Mütter bereuen. Knaus, München

Dickinson, Emily (2019 [Engl. 1861]) Hope Is the Thing With Feathers. The Complete Poems. Gibbs Smith, Layton/UT

Feldman, Deborah (2017 [Engl. 2012]) Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. btb Verlag, München

Fine, Cordelia (2012 [Engl. 2010]) Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau. Klett-Cotta, Stuttgart

Flaßpöhler, Svenja (2018) Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Ullstein, Berlin

Frieling, Simone (2010) Im Zimmer meines Lebens. Biografische Essays über Sylvia Plath, Gertrude Stein, Virginia Woolf, Marina Zwetajewa u. a. Edition Ebersbach, Berlin

Guérot, Ulrike (2019) Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie. 3. Auflage. Piper, München

hooks, bell (2015 [2000]) Feminism is For Everybody. Passionate Politics. Routledge, New York/NY

Kelly, Natasha A. (Hrsg) (2019) Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte. Unrast Verlag, Münster

Kuhlmann, Dörte (2009 [2003]) Raum, Macht und Differenz. Genderstudien in der Architektur. edition selene, Wien

Lessing, Doris (2013 [Engl. 1962]) Das goldene Notizbuch. Fischer, Frankfurt/M.

Lorde, Audre u. Rich, Adrienne (1993 [Engl. 1983]) Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte. Hrsg. v. Dagmar Schultz, Orlanda Frauenverlag, Berlin

Obama, Michelle (2018) Becoming. Crown, New York/NY.Paglia, Camille (1991) Sexual Personae. Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson. Vintage Books, New York/NY

Palmen, Connie (2018 [Niederl. 2017]) Die Sünde der Frau. Diogenes, Zürich/CH

Piercy, Marge (2016 [Engl. 1991]) Er, Sie und Es. Argument, Hamburg

Pizan, Christine de (1990 [Frz. 1405]) Das Buch von der Stadt der Frauen. DTV, München

Reinhard, Rebekka (2015) Kleine Philosophie der Macht. Nur für Frauen. Ludwig, München

Rullmann, Marit (Hrsg) (1998) Philosophinnen. 2 Bde. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Schlaffer, Hannelore (2011) Die intellektuelle Ehe. Der Plan vom Leben als Paar. Hanser, München

Solnit, Rebecca (2017 [Engl. 2014]) Wenn Männer mir die Welt erklären. Essays. btb Verlag, München

Stokowski, Margarete (2016) Untenrum frei. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Woolf, Virginia (2012 [Engl. 1929]) Ein eigenes Zimmer. Fischer, Frankfurt/M.

Young-Bruehl, Elisabeth (2013 [Engl. 1982]) Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Fischer, Frankfurt/M.

Einsamkeit in der Großstadt

Architektur / Corona 2020 / Gesellschaft / Politik / Spätmoderne

Einige Monate bevor die Weltgesellschaft ahnte, dass ihr ein globaler Ausnahmezustand bevorstehen und das Thema Einsamkeit als eines der drängendsten Themen unserer Zeit besprochen werden wird … ist mir das Phänomen Einsamkeit in der Großstadt im Zuge einer Recherche als ein drängendes architektonisches Thema aufgefallen. Ein Thema, das vor allem ältere, alleinstehende Menschen betrifft; aber auch viele andere. Es sollte ein studentischer Workshop zu neuen Wohnformen werden, der letztlich abgesagt wurde. Ein traditionelles Zusammenleben der Großfamilie gibt es, vor allem in Städten, heute nicht mehr. Bürgerliche Kernfamilien, ein Elternpaar mit eins zwei drei Kindern, leben in Wohnungen, die im besten Falle ca. 30 qm für jedes Mitglied bereithalten, vielleicht plus Außenfläche, Balkon oder Garten. Schön, wenn der Familienverbund gut funktioniert.

Ist das Zusammenleben dysfunktional, d. h. es wird aus einem Grund xyz nicht als solidarische Gemeinschaft erlebt, ob nun verwandtschaftlich oder in anderen Konstellationen, dann spielen (tendenziell negative) Effekte der gefühlten Einsamkeit für das körperliche und seelische Wohlbefinden eine entscheidende Rolle.

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt unterscheidet zwischen Alleinsein (Solitude), Einsamkeit (Loneliness) und Isolation. Vereinfacht dargestellt: Das Alleinsein kann durchaus produktiv sein bzw. genutzt werden und ist teils selbst gewählt. Die Einsamkeit ist auf Dauer für die Gesundheit besorgniserregend und meist nicht selbst gewählt. Die Isolation ist unfreiwillig, z. B. durch Haft, Armut oder auch Krankheit und gilt als Symptom totalitärer Regime (wozu unter Umständen auch die neoliberale Herrschaft zählt) und wird in diesen auch als Werkzeug eingesetzt, um unliebsame kritische Stimmen oder auch die politische Handlungsfähigkeit von Menschen (nicht nur an den gesellschaftlichen Rändern) kontrollieren bzw. unterdrücken zu können.

You’ve got me there

Lesen / Literatur / Nachbarschaft / Zitat

What they both knew, I am sure, was that I was simply in love with the idea of a strange idea, and that given some other way of expressing my enthusiasms, I would be quite content. They were right, of course, and this was only further driven home by actually watching the sloths at the National Zoo. If there is anything more boring than watching a sloth — other than watching cricket, perhaps, or the House Appropriations Committee meetings on C-SPAN — I have yet to come across it. I had never been so grateful to return to the prosaic world of my dog, who, by comparison, seemed Newtonian in her complexity.

Kay Redfield Jamison (1996)
An Unquiet Mind. A Memoir of Moods and Madness, p 20

Lehre auf Distanz

Alltag / Architekturtheorie / Corona 2020 / Kommunikation / Lehre / Uni Kassel

Der Unterricht auf Distanz ist für alle Beteiligten eine gewöhnungsbedürftige Situation. Die Universitäten sind, wie alle anderen gesellschaftsrelevanten Institutionen, zunächst einmal auf die entsprechende technische Ausrüstung (Hardware, Internetverbindung) und Support (Software-Lizenzen) angewiesen. Außerdem muss man auf IT-beflissene und digitalversierte Menschen vertrauen, die die Geduld aufbringen sich mit den Irritationen der Lehrenden auseinanderzusetzen. Erst dann kommt die Kommunikations- bzw. Vermittlungsfrage und am Schluss folgen die Inhalte.

Ein digitaler Seminarraum, was ist das? Ein Beispiel: 25 Personen befinden sich zur selben Zeit mit der selben Motivation im selben virtuellen Raum. Okay. Man kennt das seit Jahren von privaten Skype-Gesprächen, ob mit oder ohne Video; erfahrungsgemäß allerdings bisher meist in kleineren Runden. Alle Involvierten respektieren dieselben gesellschaftlichen Regeln: Einander zuhören, sich aussprechen lassen, Interesse und Verständnis zeigen, auch dann wenn es zu Missverständnissen kommt; sei es, weil die Verbindung unterbrochen wurde, ob technisch oder intellektuell, das relativiert sich in dieser Situation mitunter.

Meine Studierenden stehen der Situation sehr offen und gelassen gegenüber — I strongly believe in you lovely future people!

Fernweh und Erinnerungen

Alltag / Corona 2020 / Liste / Reisen

Erinnerungen fallen oft ungewollt aus heiterem Himmel in die halbdunkle Schlaflosigkeit. Dann liegen sie im Gedankenraum herum, wie aufdringlich schillernde Kristalle, die längst Vergangenes in zahllosen Facetten, kaleidoskopartig widerspiegeln und betrachtet werden wollen. Menschen. Orte. Je nachdem, schmerzhaft schön, irritierend reuevoll, mit ungeliebten Einschlüssen der Vergangenheit oder Lichtreflexen auf die Gegenwart.

Was wäre, wenn man mit hellseherischem Weitblick anders gehandelt hätte? Das kann aufwühlen, beruhigt aber genau besehen, denn diese Art der Unwissenheit bindet Entscheidungen mit spielerischer Naivität an die jeweilige Situation zurück, auch ans Jetzt. Könnte man mit wissendem Blick in die Zukunft entscheiden, wäre das Leben vermutlich nicht er-lebbar.

Im Moment erinnere ich vor allem konkrete Orte und Straßen, in denen ich längere Zeit gelebt habe; verbunden mit einer Spur Wehmut bzw. Fernweh — Phase-Eins der Corona-Pandemie geschuldet. In aller biografischen Kürze: Wiesbadener Kindheit und Jugend, Zwischenstation Garmisch-Partenkirchen, Studium in Stuttgart, Sinnsuche in Tallinn, traumwandlerische Passage in Paris, Horizontsprengung in London, noch einmal Stuttgart und in den letzten Jahren Berlin. Berlin. Berlin, mit viel Raum für die ewig Suchenden.

Dazu gesellt sich so manche Reise, die mich auf ihre je eigene Weise mit der Welt verbindet; oft vermittelt durch das Studium der Architektur. Auswahl, alphabetisch: Amsterdam, Bethlehem, Bologna, Bratislava, Budapest, Caracas, Como, Dresden, Dubrovnik, Florenz, Haifa, Jerusalem, Kaunas, Leipzig, Lissabon, Lyon, Mailand, Marseille, München, Nowgorod, Padua, Peking, Porto, Prag, Reims, Salzburg, Shenyang, Siena, St. Petersburg, Tel Aviv, Urbino, Venedig, Vicenza, Vilnius, Warschau, Wien, Zürich … ach, und die Landschaften, das Rheingau und der Niederrhein, so manche Nordseeinsel und Rügen, das Allgäu, diverse Bodenseeufer, die südenglische Isle of Wight, Nord- und Ostküstenabschnitte des Mittelmeers, Korsika und Sardinien, die Toskana und Ligurien, der Atlantik in Frankreich und Portugal, die österreichischen Alpen und die Märkische Schweiz.

Dann gibt es Städte, die mir Phantomschmerzen bereiten bzw. an die mir schlicht Erinnerungen fehlen, weil ich den Plänen, sie zu besuchen, nicht nachkommen konnte: zuerst Casablanca, dann Athen, Barcelona, Kairo, Ljubljana, Moskau, Mumbai und nicht zuletzt Rom (ja!); Liste unvollständig.

Seltsame Stille

Alltag / Berlin-Wedding / Corona 2020

Durch die offenen Fenster dringen Kinderrufe, Fernsehansprachen, Radiosendungen und Balkongespräche — undeutlich, scheinbar aus dem dritten Hinterhof. Es ist Freitagnachmittag und warm — 18:00, 20° — der Frühling geht in den Sommer über. Die Sonne scheint, passiv. Ich kann mich nicht erinnern, ob es diese seltsame Stille auch vor sechs Wochen schon gab. Die Gesellschaft wartet. Aber auf was?

Politische Ökonomie

Dissertation / Kommentar / Weltganzes / Wirtschaft

Im Jahre 1971 wurde der Grundstein für das heutige Wirtschaftssystem gelegt, indem der US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars aufhob. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte der Club of Rome den Bericht Die Grenzen des Wachstums (1972), aus dem hervorging, dass das unkontrollierte Wirtschaftswachstum die Menschheit in eine ökologische Krise führen wird. Im Jahre 1973 trug sich die erste Ölpreiskrise zu, die den Industriestaaten ihre Abhängigkeit von fossiler Energie demonstrierte. Gleichzeitig brach das Bretton-Woods-Abkommen — die „stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarktes“ seit 1944 — zusammen, wodurch sich das Finanzmarktgeschehen globalisierte und verselbstständigte; infolgedessen und weiteren Liberalisierungen des Finanzsektors ist auch die Weltwirtschaftskrise 2007/08 einzustufen (Schimank: 2012).

Im Jahre 1979 vollzog sich der Wandel von der fordistischen zur postfordistischen Ökonomie, d. h. verkürzt dargestellt die Verschiebung von einer nachfrage- zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik (festzumachen an der starken Leitzins-Erhöhung der US-Notenbank um 20 Punkte), die die heutige wirtschaftliche Realität konstituiert. Im selben Jahr veröffentlicht Lyotard Das postmoderne Wissen (1979), in dem er die universellen Metaerzählungen von Freiheit und Aufklärung angreift, die der Geschichte der Moderne ein kollektives Subjekt unterstellten und damit die kleinen Geschichten bzw. Identitäten zugunsten einer übergreifenden Identität auslöschten (Lyotard zit. nach Breitenstein: 2013). Kaum später veröffentlicht Sloterdijk seine Kritik der zynischen Vernunft (1983), eine ideologiekritische Diagnose zum Geisteszustand des „nachaufgeklärten Zynismus“ (Sloterdijk: 1983).

Obwohl in dieser Zeit noch politische Systeme und Ideen existierten, die zumindest dem Namen nach Alternativen zum Kapitalismus darstellen, erklärte die großbritannische Premierministerin Margaret Thatcher im Jahr 1984 die im Aufbau begriffene neoliberale Wirtschaftsideologie für alternativlos und dass es so etwas wie Gesellschaft ohnehin nicht gäbe.

Die US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde kritisiert zur gleichen Zeit, dass eine Gesellschaft, die das Gute weniger im Hinblick auf menschliche Bedürfnisse, sondern eher im Hinblick auf Profit definiert „immer eine Gruppe von Menschen [braucht], die man durch systematisierte Unterdrückung glauben machen kann, daß sie überflüssig seien, daß sie zu den dehumanisierten Minderwertigen [d. h. Schwarze und Dritte-Welt-Menschen, Arbeiter*nnen, ältere Menschen und Frauen] gehören. […] Ein Großteil der westeuropäischen Geschichtsschreibung konditioniert uns, menschliche [und kulturelle] Unterschiede in simplifizierter Form als Polaritäten zu sehen: dominierend/untergeordnet, gut/schlecht, oben/unten, überlegen/unterlegen.” (Lorde: 1981).

Auszug: Meireis (2019) Manuskript “Mikrotopoi der Architektur”, S. 286-288

Lärmender Realismus

Corona 2020 / Dystopie / Utopie

In Krisenzeiten haben Zukunftsspekulationen Hochkonjunktur; hört man sich derzeit um, halten sich utopische und dystopische Szenarien die Waage. Die Hoffnungsvollen sprechen von einer neuen gesellschaftlichen Solidarität, die auch der Umwelt zugutekäme und unterzeichnen Petitionen, z. B. für das bedingungslose Grundeinkommen; die Rede von der “Krise als Chance” wird dabei überstrapaziert. Die weniger Hoffnungsvollen befürchten die Zementierung von Ungleichheiten und den Einfall überwachungskapitalistischer Technologien in die — im Namen der Sicherheit — geöffneten, digitalen Tore; das wird als Angriff auf menschliche Grundrechte und in der Konsequenz als Erosion der Demokratie gewertet.

Welche Lehren die Menschen aus der Corona-Pandemie ziehen werden bleibt abzuwarten. Aber nichts ist lähmender als der lärmende “back to normal”-Realismus derjenigen, die ihre Macht ausgedehnt und sich in ihrem Status quo, Veränderung befürchtend, eingerichtet haben.

Planetarische Klaustrophobie

Weltganzes / Berlin-Wedding / Gehen / Alltag / Corona 2020 / Apokalypse

Das Spazierengehen entlang am Nordufer des Spreekanals in Richtung des Weddinger Plötzensees und darüber hinaus, ist eine Konstante, die mir Kraft gibt. In der sommerlichen Schwimmsaison ist der See meist allzu veralgt, jedenfalls für menschliche Mimosen. Das Schwimmen kommt aber heute ohnehin nicht infrage, denn das Wetter ist ziemlich trist, grauer Himmel, kalte Luft, durchsetzt mit Schnee- und Hagelschauern. Ich habe es drinnen nicht mehr ausgehalten; es bleibt zu hoffen, dass es (in Berlin) nicht zu einer vollständigen Ausgangssperre kommt — nicht raustreten zu dürfen, Freund*nnen nicht treffen zu können, selbst auf zwei Metern Abstand, ist eine schreckliche Vorstellung. Alleine, tagelang schon niemanden mehr berühren zu können ist eine neue, existenzielle Erfahrung und macht mir das sozialpsychologische Ausmaß der ganzen Situation bewusst.

Merkel appelliert derzeit an die Vernunft der Bevölkerung. Ich finde das — als politischen Akt — stark und mutig. Dennoch patrouillieren Polizeiautos am Seeufer … immerhin wird der städtische Luftraum hier noch nicht von Drohnen kontrolliert, wie mir vorgestern aus Madrid berichtet wurde.

Ich gehöre zu denen, die einigermaßen privilegiert sind … denke ich und schnappe im Gehen marxistisch informierte Gesprächsfetzen von zwei Männern mittleren Alters, die an mir vorbei schlendern, auf:

Person 1, selbstbewußt: „ … das Proletariat macht die Revolution.“

Person 2, in ungläubig fragendem Tonfall: „Ja.“

Person 1, reflektierend: „ … hat nicht gestimmt, aber …“

Im Moment sind wir alle durch das Internet mit der Welt verbunden; am Schreibtisch in der Wohnung im Haus im Kiez in der Hauptstadt des Landes im Staat auf dem Kontinent auf dem Planeten. Und hier beginnt das Problem. Wohin, wenn die ganzheitliche Schönheit der Terra Mater, ihre biodiverse Funktionalität und das multiethnische Paralleluniversum unseres be- und gewohnten terrestrischen Habitats, der Gaia, dem Untergang geweiht ist. All das kommt in der derzeitigen sozioökologischen Situation einem Gefühl planetarischer Klaustrophobie gleich. Der kollektive Mensch kann die Erde nicht verlassen. But I won’t back down!

Zu Hause angekommen, wärme ich mein Inneres mit einem Tee und meine Schultern mit einer kunstvoll gehäkelten Stola aus kratzig-seidenweicher Wolle, die ich vor einigen Wintern auf dem Wochenmarkt, gleich neben dem Hauptbahnhof von Tallinn/Estland, einer älteren, runzligen, russischen Dame abgekauft habe. Ob die Schulterverspannung nun von der Kälte, von der Schreibtischarbeit oder vom digitalen Fensterblick ins Internet kommt, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass mich das wollene Häkelwerk schützt. Es erinnert mich an eine kaum vergangene Vergangenheit, in der das Reisen noch zu meinem Leben gehörte, programmatisch. Diese Emphase macht mir Corona2020/COVID-19 als historisches Ereignis deutlich. Im Hinblick auf Zukünftiges ist es, hier im sicheren Deutschland, eine spannende Zeit. Ich versuche die Bilder von Moria/Lesbos, aus dem Krieg im Jemen und der Situation der Tagelöhner in Indien zu vergessen. Einfach so, damit ich später ein paar Stunden Schlaf finden kann.

o. T. / Brief von Sam (2016)

Berlin / Fundstück / Liebe / Lyrik

Schillernde Sequenzen, mäandernd, scheinbar entsubjektivierte Digital-Sentenzen 100101100 (…).

Um der Starre Einhalt zu gebieten, ihr das Einbrennen verbieten. Es gibt kaum besonders viel zu lachen, um die Beschreibung so präzis wie möglich hier zu machen. Lieber duellieren wir uns im Kanon gegen die Geschichtsvergessenheit, mit Fenstern raus in die Unendlichkeit.

Ziehen das Sowohl-als-auch dem Entweder-oder unverhohlen vor, nichts zu verlieren, denn schließlich ist die Angst nur der Schwindel unsrer Freiheit! Kämpfen mit Schwertern gegen eine Zukunft, in der das Denken unter Strafe steht.

Komm, lass uns Aprikosencocktails trinken, schnell, bevor die Existenz verwirkt. Oder Café, so wie immer?!

Den Kreisbahnen des Denkens ein ums andre Bein gestellt, in der Hoffnung es verwelkt. Dem Unzähmbaren sei mit Stofflichem begegnet und damit interesseloses Wohlgefallen zelebriert.

Kritischer Regionalismus

Architektur / Architekturtheorie / Lokalismus / Postmoderne / Utopie
Fotos: Yukio Futagawa (1985) Ricardo Bofill / Taller de Arquitectura. Mit einer Einleitung von Christian Norberg-Schulz, S 27, 99

 

„Mit der Bezeichnung kritischer Regionalismus ist nicht der regionale Stil gemeint, der einst spontan durch das Zusammenwirken von Klima, Kultur, Mythos und Handwerk entstand. Sie bezieht sich vielmehr auf jene neueren regionalen ‚Schulen‘, deren Ziel es ist, die begrenzten Gesellschaften, in denen sie begründet sind, im kritischen Sinne zu repräsentieren und zu bedienen. Ein solcher Regionalismus hängt in gewissem Maße von dem Zusammenhang zwischen der politischen Identität einer Gesellschaft und dem Architektenberuf ab“, schreibt der Architekturhistoriker Kenneth Frampton in seinem Buch Die Architektur der Moderne (1980).

Das Werk des katalanischen Architekten Ricardo Bofill / Taller de Arquitectura nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderposition ein, die jüngst in der internationalen Architekturszene eine rege Rezeption und neue Beliebtheit erfährt. Bofill entwickelt eine ganz eigene Architektursprache, die in enger Verbindung zu ihrer natürlichen und kulturellen Umgebung steht und als Ansatz eines integrierten Urbanismus Bekanntheit erlangt.

Heute ist es an der Zeit „die Bedeutsamkeit, die Legitimität, die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu einem Boden“ wieder zur Sprache zu bringen, „aber ohne dass dies — und darin liegt die ganze Schwierigkeit — gleich wieder mit den Ingredienzien verwechselt wird, die dem Lokalen beigemischt sind: ethnische Homogenität, Musealisierung, Historizismus, Nostalgie, falsche Authentizität“, reflektiert der Soziologe Bruno Latour in seinem Buch Das Terrestrische Manifest (2018). 

InFarming

Architektur / Dissertation / Lokalismus / Mikroutopie
InFarming im Altmarktgarten Oberhausen: ein Dachgewächshaus mit Garten (100qm) und geschlossenen Kreisläufen zur urbanen Nahrungsmittelproduktion. 

Foto: Hiepler & Brunier; Quelle: https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Verwaltungsbau_in_Oberhausen_von_Kuehn_Malvezzi_7036072.html

 

Weltweit werden alternative Formen des sozialökologisch nachhaltigen Lebens und solidarischen Wirtschaftens in unzähligen lokalen und regionalen Projekträumen erprobt, wie z. B. in inkludierenden Kulturprojekten, selbstorganisierten Wohn- und Nachbarschaftsinitiativen, (urbanen) Landwirtschaftskooperativen, (ruralen) Permakulturkollektiven, in der Transition-Town-Bewegung oder auch in Energiegenossenschaften; dabei werden in vielen Ansätzen neue ökonomische Modelle, wie die Kreislaufwirtschaft, ausprobiert. […]

Auch heute noch herrscht dezentrale Diversität gegenüber industrieller Monokultur (in Land- und Energiewirtschaft) vor: 70% der weltweit produzierten Nahrungsmittel kommt von Kleinbauern, d. h. aus bäuerlicher und nicht-industrieller Landwirtschaft, vgl. den aktuellen Weltagrarbericht. Online: https://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/files/weltagrarbericht/Neuauflage/Weltagrarbericht10Jahre.pdf (27.7.19); und 70% der weltweit produzierten Energie kommt von Kleinanbietern; dezentralisiertes Microgridding könnte zukünftig 90% des Energiebedarfs decken, vgl. die niederländische Studie SIDE-Systems. Online: https://www.metabolic.nl/publications/side-systems/ (2.8.19)

Auszug: Meireis (2019) Manuskript “Mikrotopoi der Architektur”, S. 273, 281

Ausnahmezustand

Corona 2020 / Kreativität / Langeweile / Musik

Langeweile befördert Kreativität, im besten Falle. Aus der Wohnung über mir erklingen plötzlich schiefe Töne einer (vermutlich bisher in Vergessenheit geratenen) C-Blockflöte: Zuerst, Ode an die Freude, dann Amazing Grace. Danke, Corona 🙂

Abgesehen von amüsanten Stilblüten, die das zurück bzw. neu gewonnene Privatleben in den kommenden Wochen der Co(rona)-Isolation treiben wird, bleibt es spannend, wofür sich die Weltgemeinschaft und der einzelne Mensch tendenziell entscheiden wird. Dualistisch betrachtet, gibt es zwei Szenarien: Survival of the Fittest (im Spätkapitalismus) oder internationale Solidarität (gegen widersinnige Maßnahmen der Deglobalisierung).

Mikro-Utopien der Architektur

Architektur / Architekturtheorie / Dissertation / Postmoderne / Publikation / Schreiben / transcriptVerlag / TU Berlin / Utopie
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Mikro-Utopien der Architektur — Das utopische Moment architektonischer Minimaltechniken.

Nachdem die Utopie mit dem Eintritt in die »Postmoderne« ab 1968 allmählich in Verruf geriet, zeigt sich in den gegenwärtigen kulturellen Diskursen ihre Rückkehr. Der Tief- und Wendepunkt dieser Entwicklung wird vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989/91 markiert. Sandra Meireis stellt für das architektonische Feld die zentrale Hypothese auf, dass sich eine Wiederkehr der Utopie in Form pluraler Mikro-Utopien beobachten lässt. Darüber hinaus zeigt sie auf, dass die Utopie als geschichtsphilosophisches Modell gesellschaftlichen Wandlungen unterliegt und mithin die spätmoderne Tendenz der kulturellen Partikularität reflektiert.

Mit einem Nachwort von Jörg H. Gleiter.

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5197-3/mikrotopoi-der-architektur/?c=311000186

Veröffentlichung: Winter 2020/21

Ouropa

EU / Europa / Kommentar / Politik / Tagesgeschehen / Weltganzes

Das, was sich zur Zeit an der EU-Außengrenze Griechenlands zur Türkei abspielt erinnert an dystopische Filmszenen aus den Nullerjahren. Die politische „Festung Europa“ wird abgeriegelt, um die Effekte kriegerischer Auseinandersetzungen „außen“ vor zu halten; falls es ein Außen noch geben kann. In den deutschen Medien wird eine „weitere Flüchtlingskrise“ heraufbeschworen, daran erinnernd, dass sich „ein 2015“ nicht wiederholen dürfe.

Angela Merkel postulierte damals „Wir schaffen das!“ in Anlehnung an Barack Obamas “Yes, we can!“ — jedenfalls meine ich, dass das kein rhetorischer Zufall war; definitiv ein kurzes Moment des politischen Optimismus.

Heute wird die Verantwortung reflexartig Anderen zugeschoben. Dass Abschottung langfristig aussichtslos ist, zeigt derzeit das neue, bisher verhältnismäßig harmlos verlaufende Coronavirus (COVID-19). Die Maßnahme der Quarantäne ist ein 40-tägiger Ausnahmezustand zur Behandlung und Betreuung der Gefährdeten und zum Schutz der Restbevölkerung. Das politische Europa dreht dies derzeit um und wird selbst zur Sonderzone für die (nicht nur) wirtschaftlich Bessergestellten. Um „die Anderen“ auszuschließen, schließt man sich selbst ein. Dass die — für viele Menschen — überwiegend positiven Seiten der Globalisierung auf ihren negativen Seiten lastet, d. h. auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft, ist unbestritten, aber scheint — bei vielen Menschen — nicht ankommen zu wollen; diese Einsicht würde wohl die gewohnten Annehmlichkeiten infrage stellen.

Was fiktive Dystopien kulturell so erfolgreich macht, ist ihre Verlegung in eine weit entfernte Zukunft; ein Ersatz-Schauer wird bei den Rezipient*nnen erzeugt. Danach lässt es sich vielleicht besser schlafen bzw. zur notwendigen Alltagsruhe zurückkehren, weil ein Worst Case bzw. Grenzfall zwar imaginativ durchgespielt, aber — so die Hoffnung — niemals eintreten wird. Im Moment sind wir alle — passiv und aktiv — Mitbeteiligte im gefährlichen Spiel globaler Nationalismen und Faschismen. Statt diesen ökonomisch angefachten Totalitarismen politisch entgegenzuwirken, wird ihnen mit Angstszenarien und Abschottung begegnet und mithin stattgegeben.

Es heißt, die Mehrheit der Menschen positioniere sich politisch gegen solche humanitären Katastrophen, es seien lediglich die Stimmen derjenigen — in den Sozialen Medien — verlautbar, die irrationale Ängste vor sich hertrieben. Wenn das so ist, dann stimmt mit der Idee der Demokratie grundsätzlich etwas nicht (mehr). Zur Zeit schafft EUropa (eu, Gr. gut) sich ab und eine Ahnung von OUropa (ou, Gr. nicht, kein) entsteht.

Gehen

Schreiben / Berlin-Wedding / Gehen / Literatur

Als die Fertigstellung meiner Dissertation mental anstrengend wurde, habe ich begonnen regelmäßig spazieren zu gehen — alle paar Tage, etwa eine Stunde, zwei Stunden, dann bis zu drei Stunden täglich. Gesegnet ist, wer Zeit dafür hat. Ich hatte, mit längeren Unterbrechungen, nahezu zwei Jahre Gelegenheit dazu! Zuerst führten mich meine Wege – das Nordufer und den Plötzensee hinter mir lassend – durch den bewaldeten Volkspark Rehberge, später auch durch die Westberliner Innenstadt, meist um Bibliotheksgänge zu erledigen. Das geschah oft am frühen Nachmittag, vor oder nach dem Mittagessen, jedenfalls als die Denkarbeit für den Tag erledigt schien bzw. meine Konzentrationsfähigkeit zuneige ging. Routinen helfen den Tag zu strukturieren. Gehen ist heilsam. Kopf und Körper vereinen sich.

Diese Obsession hat als intuitiver Stressabbau begonnen. Nun, als professionelle Spaziergängerin, weiß ich, dass es dazu reichlich Literatur gibt. Erst kürzlich wurde Rebecca Solnits “Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens” ins Deutsche übertragen und die neuste Ausgabe der Zeitschrift Kunstforum (266) titelt “Die Kunst des Gehens” — ich bin gespannt.

Mermaiding

Alltag / Antifeminismus / Berlin-Wedding / Schreiben / Schwimmen

Nach längerer Zeit habe ich das Kombibad Seestraße mal wieder besucht — eine Nord-West-Berliner Institution, die mit zwei 50-Meter-Becken (für Schwimmerinnen wie mich) und wenigen unaufdringlichen Spaßbadelementen (für Kinder) aus dem Wedding, sommers wie winters, nicht wegzudenken ist. Ich habe diesem Schwimmbad viel zu verdanken. Temporäre Denkknoten und Schreibblockaden haben sich unter Wasser aufgelöst bzw. in sinnfällige Textpassagen verwandelt. Der bewegte Körper bewegt den Geist. Dieses Bad ist — bunt und lebendig — ein Spiegelbild seiner Nachbarschaft.

Aber auch hier räumt der “kraulende Mann” — auf der selben Bahn in entgegengesetzter Richtung — der “brustschwimmenden Frau” keinen Platz ein; die Frau weicht, wenn auch widerwillig, notgedrungen aus. Die Hierarchien sind klar. Beim Schwimmen gibt es keinen (ausgleichenden) Dialog.

Einige Bahnen später tauche ich auf; gönne mir eine kurze Pause am Beckenrand mit Blick auf den Wasserspielbereich der Kinder. Ich sehe ein Mädchen von etwa zehn Jahren in ein Kostüm schlüpfen — Wunsch-Personae: Meerjungfrau. Sie steigt in ein mit blau-grünen Fischschuppen illustrierten und delfin-großer Fischflosse applizierten Nylon-Schlauch; damit pfercht sie ihre Beine zusammen, unfähig auch nur einen Schritt zu laufen. Überrascht bin ich nicht, aber hochgradig irritiert.