Fernweh und Erinnerungen

Alltag / Corona 2020 / Liste / Reisen

Erinnerungen fallen oft ungewollt aus heiterem Himmel in die halbdunkle Schlaflosigkeit. Dann liegen sie im Gedankenraum herum, wie aufdringlich schillernde Kristalle, die längst Vergangenes in zahllosen Facetten, kaleidoskopartig widerspiegeln und betrachtet werden wollen. Menschen. Orte. Je nachdem, schmerzhaft schön, irritierend reuevoll, mit ungeliebten Einschlüssen der Vergangenheit oder Lichtreflexen auf die Gegenwart.

Was wäre, wenn man mit hellseherischem Weitblick anders gehandelt hätte? Das kann aufwühlen, beruhigt aber genau besehen, denn diese Art der Unwissenheit bindet Entscheidungen mit spielerischer Naivität an die jeweilige Situation zurück, auch ans Jetzt. Könnte man mit wissendem Blick in die Zukunft entscheiden, wäre das Leben vermutlich nicht er-lebbar.

Im Moment erinnere ich vor allem konkrete Orte und Straßen, in denen ich längere Zeit gelebt habe; verbunden mit einer Spur Wehmut bzw. Fernweh — Phase-Eins der Corona-Pandemie geschuldet. In aller biografischen Kürze: Wiesbadener Kindheit und Jugend, Zwischenstation Garmisch-Partenkirchen, Studium in Stuttgart, Sinnsuche in Tallinn, traumwandlerische Passage in Paris, Horizontsprengung in London, noch einmal Stuttgart und in den letzten Jahren Berlin. Berlin. Berlin, mit viel Raum für die ewig Suchenden.

Dazu gesellt sich so manche Reise, die mich auf ihre je eigene Weise mit der Welt verbindet; oft vermittelt durch das Studium der Architektur. Auswahl, alphabetisch: Amsterdam, Bethlehem, Bologna, Bratislava, Budapest, Caracas, Como, Dresden, Dubrovnik, Florenz, Haifa, Jerusalem, Kaunas, Leipzig, Lissabon, Lyon, Mailand, Marseille, München, Nowgorod, Padua, Peking, Porto, Prag, Reims, Salzburg, Shenyang, Siena, St. Petersburg, Tel Aviv, Urbino, Venedig, Vicenza, Vilnius, Warschau, Wien, Zürich … ach, und die Landschaften, das Rheingau und der Niederrhein, so manche Nordseeinsel und Rügen, das Allgäu, diverse Bodenseeufer, die südenglische Isle of Wight, Nord- und Ostküstenabschnitte des Mittelmeers, Korsika und Sardinien, die Toskana und Ligurien, der Atlantik in Frankreich und Portugal, die österreichischen Alpen und die Märkische Schweiz.

Dann gibt es Städte, die mir Phantomschmerzen bereiten bzw. an die mir schlicht Erinnerungen fehlen, weil ich den Plänen, sie zu besuchen, nicht nachkommen konnte: zuerst Casablanca, dann Athen, Barcelona, Kairo, Ljubljana, Moskau, Mumbai und nicht zuletzt Rom (ja!); Liste unvollständig.

Seltsame Stille

Alltag / Berlin-Wedding / Corona 2020

Durch die offenen Fenster dringen Kinderrufe, Fernsehansprachen, Radiosendungen und Balkongespräche — undeutlich, scheinbar aus dem dritten Hinterhof. Es ist Freitagnachmittag und warm — 18:00, 20° — der Frühling geht in den Sommer über. Die Sonne scheint, passiv. Ich kann mich nicht erinnern, ob es diese seltsame Stille auch vor sechs Wochen schon gab. Die Gesellschaft wartet. Aber auf was?

Politische Ökonomie

Dissertation / Kommentar / Weltganzes / Wirtschaft

Im Jahre 1971 wurde der Grundstein für das heutige Wirtschaftssystem gelegt, indem der US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars aufhob. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte der Club of Rome den Bericht Die Grenzen des Wachstums (1972), aus dem hervorging, dass das unkontrollierte Wirtschaftswachstum die Menschheit in eine ökologische Krise führen wird. Im Jahre 1973 trug sich die erste Ölpreiskrise zu, die den Industriestaaten ihre Abhängigkeit von fossiler Energie demonstrierte. Gleichzeitig brach das Bretton-Woods-Abkommen — die „stabilitätssichernde Architektur des internationalen Finanzmarktes“ seit 1944 — zusammen, wodurch sich das Finanzmarktgeschehen globalisierte und verselbstständigte; infolgedessen und weiteren Liberalisierungen des Finanzsektors ist auch die Weltwirtschaftskrise 2007/08 einzustufen (Schimank: 2012).

Im Jahre 1979 vollzog sich der Wandel von der fordistischen zur postfordistischen Ökonomie, d. h. verkürzt dargestellt die Verschiebung von einer nachfrage- zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik (festzumachen an der starken Leitzins-Erhöhung der US-Notenbank um 20 Punkte), die die heutige wirtschaftliche Realität konstituiert. Im selben Jahr veröffentlicht Lyotard Das postmoderne Wissen (1979), in dem er die universellen Metaerzählungen von Freiheit und Aufklärung angreift, die der Geschichte der Moderne ein kollektives Subjekt unterstellten und damit die kleinen Geschichten bzw. Identitäten zugunsten einer übergreifenden Identität auslöschten (Lyotard zit. nach Breitenstein: 2013). Kaum später veröffentlicht Sloterdijk seine Kritik der zynischen Vernunft (1983), eine ideologiekritische Diagnose zum Geisteszustand des „nachaufgeklärten Zynismus“ (Sloterdijk: 1983).

Obwohl in dieser Zeit noch politische Systeme und Ideen existierten, die zumindest dem Namen nach Alternativen zum Kapitalismus darstellen, erklärte die großbritannische Premierministerin Margaret Thatcher im Jahr 1984 die im Aufbau begriffene neoliberale Wirtschaftsideologie für alternativlos und dass es so etwas wie Gesellschaft ohnehin nicht gäbe.

Die US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde kritisiert zur gleichen Zeit, dass eine Gesellschaft, die das Gute weniger im Hinblick auf menschliche Bedürfnisse, sondern eher im Hinblick auf Profit definiert „immer eine Gruppe von Menschen [braucht], die man durch systematisierte Unterdrückung glauben machen kann, daß sie überflüssig seien, daß sie zu den dehumanisierten Minderwertigen [d. h. Schwarze und Dritte-Welt-Menschen, Arbeiter*nnen, ältere Menschen und Frauen] gehören. […] Ein Großteil der westeuropäischen Geschichtsschreibung konditioniert uns, menschliche [und kulturelle] Unterschiede in simplifizierter Form als Polaritäten zu sehen: dominierend/untergeordnet, gut/schlecht, oben/unten, überlegen/unterlegen.” (Lorde: 1981).

Auszug: Meireis (2019) Manuskript “Mikrotopoi der Architektur”, S. 286-288

Lärmender Realismus

Corona 2020 / Dystopie / Utopie

In Krisenzeiten haben Zukunftsspekulationen Hochkonjunktur; hört man sich derzeit um, halten sich utopische und dystopische Szenarien die Waage. Die Hoffnungsvollen sprechen von einer neuen gesellschaftlichen Solidarität, die auch der Umwelt zugutekäme und unterzeichnen Petitionen, z. B. für das bedingungslose Grundeinkommen; die Rede von der “Krise als Chance” wird dabei überstrapaziert. Die weniger Hoffnungsvollen befürchten die Zementierung von Ungleichheiten und den Einfall überwachungskapitalistischer Technologien in die — im Namen der Sicherheit — geöffneten, digitalen Tore; das wird als Angriff auf menschliche Grundrechte und in der Konsequenz als Erosion der Demokratie gewertet.

Welche Lehren die Menschen aus der Corona-Pandemie ziehen werden bleibt abzuwarten. Aber nichts ist lähmender als der lärmende “back to normal”-Realismus derjenigen, die ihre Macht ausgedehnt und sich in ihrem Status quo, Veränderung befürchtend, eingerichtet haben.

Planetarische Klaustrophobie

Weltganzes / Berlin-Wedding / Gehen / Alltag / Corona 2020 / Apokalypse

Das Spazierengehen entlang am Nordufer des Spreekanals in Richtung des Weddinger Plötzensees und darüber hinaus, ist eine Konstante, die mir Kraft gibt. In der sommerlichen Schwimmsaison ist der See meist allzu veralgt, jedenfalls für menschliche Mimosen. Das Schwimmen kommt aber heute ohnehin nicht infrage, denn das Wetter ist ziemlich trist, grauer Himmel, kalte Luft, durchsetzt mit Schnee- und Hagelschauern. Ich habe es drinnen nicht mehr ausgehalten; es bleibt zu hoffen, dass es (in Berlin) nicht zu einer vollständigen Ausgangssperre kommt — nicht raustreten zu dürfen, Freund*nnen nicht treffen zu können, selbst auf zwei Metern Abstand, ist eine schreckliche Vorstellung. Alleine, tagelang schon niemanden mehr berühren zu können ist eine neue, existenzielle Erfahrung und macht mir das sozialpsychologische Ausmaß der ganzen Situation bewusst.

Merkel appelliert derzeit an die Vernunft der Bevölkerung. Ich finde das — als politischen Akt — stark und mutig. Dennoch patrouillieren Polizeiautos am Seeufer … immerhin wird der städtische Luftraum hier noch nicht von Drohnen kontrolliert, wie mir vorgestern aus Madrid berichtet wurde.

Ich gehöre zu denen, die einigermaßen privilegiert sind … denke ich und schnappe im Gehen marxistisch informierte Gesprächsfetzen von zwei Männern mittleren Alters, die an mir vorbei schlendern, auf:

Person 1, selbstbewußt: „ … das Proletariat macht die Revolution.“

Person 2, in ungläubig fragendem Tonfall: „Ja.“

Person 1, reflektierend: „ … hat nicht gestimmt, aber …“

Im Moment sind wir alle durch das Internet mit der Welt verbunden; am Schreibtisch in der Wohnung im Haus im Kiez in der Hauptstadt des Landes im Staat auf dem Kontinent auf dem Planeten. Und hier beginnt das Problem. Wohin, wenn die ganzheitliche Schönheit der Terra Mater, ihre biodiverse Funktionalität und das multiethnische Paralleluniversum unseres be- und gewohnten terrestrischen Habitats, der Gaia, dem Untergang geweiht ist. All das kommt in der derzeitigen sozioökologischen Situation einem Gefühl planetarischer Klaustrophobie gleich. Der kollektive Mensch kann die Erde nicht verlassen. But I won’t back down!

Zu Hause angekommen, wärme ich mein Inneres mit einem Tee und meine Schultern mit einer kunstvoll gehäkelten Stola aus kratzig-seidenweicher Wolle, die ich vor einigen Wintern auf dem Wochenmarkt, gleich neben dem Hauptbahnhof von Tallinn/Estland, einer älteren, runzligen, russischen Dame abgekauft habe. Ob die Schulterverspannung nun von der Kälte, von der Schreibtischarbeit oder vom digitalen Fensterblick ins Internet kommt, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass mich das wollene Häkelwerk schützt. Es erinnert mich an eine kaum vergangene Vergangenheit, in der das Reisen noch zu meinem Leben gehörte, programmatisch. Diese Emphase macht mir Corona2020/COVID-19 als historisches Ereignis deutlich. Im Hinblick auf Zukünftiges ist es, hier im sicheren Deutschland, eine spannende Zeit. Ich versuche die Bilder von Moria/Lesbos, aus dem Krieg im Jemen und der Situation der Tagelöhner in Indien zu vergessen. Einfach so, damit ich später ein paar Stunden Schlaf finden kann.

o. T. / Brief von Sam (2016)

Berlin / Fundstück / Liebe / Lyrik

Schillernde Sequenzen, mäandernd, scheinbar entsubjektivierte Digital-Sentenzen 100101100 (…).

Um der Starre Einhalt zu gebieten, ihr das Einbrennen verbieten. Es gibt kaum besonders viel zu lachen, um die Beschreibung so präzis wie möglich hier zu machen. Lieber duellieren wir uns im Kanon gegen die Geschichtsvergessenheit, mit Fenstern raus in die Unendlichkeit.

Ziehen das Sowohl-als-auch dem Entweder-oder unverhohlen vor, nichts zu verlieren, denn schließlich ist die Angst nur der Schwindel unsrer Freiheit! Kämpfen mit Schwertern gegen eine Zukunft, in der das Denken unter Strafe steht.

Komm, lass uns Aprikosencocktails trinken, schnell, bevor die Existenz verwirkt. Oder Café, so wie immer?!

Den Kreisbahnen des Denkens ein ums andre Bein gestellt, in der Hoffnung es verwelkt. Dem Unzähmbaren sei mit Stofflichem begegnet und damit interesseloses Wohlgefallen zelebriert.

Kritischer Regionalismus

Architektur / Architekturtheorie / Lokalismus / Postmoderne / Utopie
Fotos: Yukio Futagawa (1985) Ricardo Bofill / Taller de Arquitectura. Mit einer Einleitung von Christian Norberg-Schulz, S 27, 99

 

„Mit der Bezeichnung kritischer Regionalismus ist nicht der regionale Stil gemeint, der einst spontan durch das Zusammenwirken von Klima, Kultur, Mythos und Handwerk entstand. Sie bezieht sich vielmehr auf jene neueren regionalen ‚Schulen‘, deren Ziel es ist, die begrenzten Gesellschaften, in denen sie begründet sind, im kritischen Sinne zu repräsentieren und zu bedienen. Ein solcher Regionalismus hängt in gewissem Maße von dem Zusammenhang zwischen der politischen Identität einer Gesellschaft und dem Architektenberuf ab“, schreibt der Architekturhistoriker Kenneth Frampton in seinem Buch Die Architektur der Moderne (1980).

Das Werk des katalanischen Architekten Ricardo Bofill / Taller de Arquitectura nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderposition ein, die jüngst in der internationalen Architekturszene eine rege Rezeption und neue Beliebtheit erfährt. Bofill entwickelt eine ganz eigene Architektursprache, die in enger Verbindung zu ihrer natürlichen und kulturellen Umgebung steht und als Ansatz eines integrierten Urbanismus Bekanntheit erlangt.

Heute ist es an der Zeit „die Bedeutsamkeit, die Legitimität, die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu einem Boden“ wieder zur Sprache zu bringen, „aber ohne dass dies — und darin liegt die ganze Schwierigkeit — gleich wieder mit den Ingredienzien verwechselt wird, die dem Lokalen beigemischt sind: ethnische Homogenität, Musealisierung, Historizismus, Nostalgie, falsche Authentizität“, reflektiert der Soziologe Bruno Latour in seinem Buch Das Terrestrische Manifest (2018). 

InFarming

Architektur / Dissertation / Lokalismus / Mikroutopie
InFarming im Altmarktgarten Oberhausen: ein Dachgewächshaus mit Garten (100qm) und geschlossenen Kreisläufen zur urbanen Nahrungsmittelproduktion. 

Foto: Hiepler & Brunier; Quelle: https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Verwaltungsbau_in_Oberhausen_von_Kuehn_Malvezzi_7036072.html

 

Weltweit werden alternative Formen des sozialökologisch nachhaltigen Lebens und solidarischen Wirtschaftens in unzähligen lokalen und regionalen Projekträumen erprobt, wie z. B. in inkludierenden Kulturprojekten, selbstorganisierten Wohn- und Nachbarschaftsinitiativen, (urbanen) Landwirtschaftskooperativen, (ruralen) Permakulturkollektiven, in der Transition-Town-Bewegung oder auch in Energiegenossenschaften; dabei werden in vielen Ansätzen neue ökonomische Modelle, wie die Kreislaufwirtschaft, ausprobiert. […]

Auch heute noch herrscht dezentrale Diversität gegenüber industrieller Monokultur (in Land- und Energiewirtschaft) vor: 70% der weltweit produzierten Nahrungsmittel kommt von Kleinbauern, d. h. aus bäuerlicher und nicht-industrieller Landwirtschaft, vgl. den aktuellen Weltagrarbericht. Online: https://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/files/weltagrarbericht/Neuauflage/Weltagrarbericht10Jahre.pdf (27.7.19); und 70% der weltweit produzierten Energie kommt von Kleinanbietern; dezentralisiertes Microgridding könnte zukünftig 90% des Energiebedarfs decken, vgl. die niederländische Studie SIDE-Systems. Online: https://www.metabolic.nl/publications/side-systems/ (2.8.19)

Auszug: Meireis (2019) Manuskript “Mikrotopoi der Architektur”, S. 273, 281

Ausnahmezustand

Corona 2020 / Kreativität / Langeweile / Musik

Langeweile befördert Kreativität, im besten Falle. Aus der Wohnung über mir erklingen plötzlich schiefe Töne einer (vermutlich bisher in Vergessenheit geratenen) C-Blockflöte: Zuerst, Ode an die Freude, dann Amazing Grace. Danke, Corona 🙂

Abgesehen von amüsanten Stilblüten, die das zurück bzw. neu gewonnene Privatleben in den kommenden Wochen der Co(rona)-Isolation treiben wird, bleibt es spannend, wofür sich die Weltgemeinschaft und der einzelne Mensch tendenziell entscheiden wird. Dualistisch betrachtet, gibt es zwei Szenarien: Survival of the Fittest (im Spätkapitalismus) oder internationale Solidarität (gegen widersinnige Maßnahmen der Deglobalisierung).

Mikro-Utopien der Architektur

Architektur / Architekturtheorie / Dissertation / Postmoderne / Publikation / Schreiben / transcriptVerlag / TU Berlin / Utopie
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Mikro-Utopien der Architektur — Das utopische Moment architektonischer Minimaltechniken.

Nachdem die Utopie mit dem Eintritt in die »Postmoderne« ab 1968 allmählich in Verruf geriet, zeigt sich in den gegenwärtigen kulturellen Diskursen ihre Rückkehr. Der Tief- und Wendepunkt dieser Entwicklung wird vom Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989/91 markiert. Sandra Meireis stellt für das architektonische Feld die zentrale Hypothese auf, dass sich eine Wiederkehr der Utopie in Form pluraler Mikro-Utopien beobachten lässt. Darüber hinaus zeigt sie auf, dass die Utopie als geschichtsphilosophisches Modell gesellschaftlichen Wandlungen unterliegt und mithin die spätmoderne Tendenz der kulturellen Partikularität reflektiert.

Mit einem Nachwort von Jörg H. Gleiter.

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5197-3/mikrotopoi-der-architektur/?c=311000186

Veröffentlichung: Winter 2020/21

Ouropa

EU / Europa / Kommentar / Politik / Tagesgeschehen / Weltganzes

Das, was sich zur Zeit an der EU-Außengrenze Griechenlands zur Türkei abspielt erinnert an dystopische Filmszenen aus den Nullerjahren. Die politische „Festung Europa“ wird abgeriegelt, um die Effekte kriegerischer Auseinandersetzungen „außen“ vor zu halten; falls es ein Außen noch geben kann. In den deutschen Medien wird eine „weitere Flüchtlingskrise“ heraufbeschworen, daran erinnernd, dass sich „ein 2015“ nicht wiederholen dürfe.

Angela Merkel postulierte damals „Wir schaffen das!“ in Anlehnung an Barack Obamas “Yes, we can!“ — jedenfalls meine ich, dass das kein rhetorischer Zufall war; definitiv ein kurzes Moment des politischen Optimismus.

Heute wird die Verantwortung reflexartig Anderen zugeschoben. Dass Abschottung langfristig aussichtslos ist, zeigt derzeit das neue, bisher verhältnismäßig harmlos verlaufende Coronavirus (COVID-19). Die Maßnahme der Quarantäne ist ein 40-tägiger Ausnahmezustand zur Behandlung und Betreuung der Gefährdeten und zum Schutz der Restbevölkerung. Das politische Europa dreht dies derzeit um und wird selbst zur Sonderzone für die (nicht nur) wirtschaftlich Bessergestellten. Um „die Anderen“ auszuschließen, schließt man sich selbst ein. Dass die — für viele Menschen — überwiegend positiven Seiten der Globalisierung auf ihren negativen Seiten lastet, d. h. auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft, ist unbestritten, aber scheint — bei vielen Menschen — nicht ankommen zu wollen; diese Einsicht würde wohl die gewohnten Annehmlichkeiten infrage stellen.

Was fiktive Dystopien kulturell so erfolgreich macht, ist ihre Verlegung in eine weit entfernte Zukunft; ein Ersatz-Schauer wird bei den Rezipient*nnen erzeugt. Danach lässt es sich vielleicht besser schlafen bzw. zur notwendigen Alltagsruhe zurückkehren, weil ein Worst Case bzw. Grenzfall zwar imaginativ durchgespielt, aber — so die Hoffnung — niemals eintreten wird. Im Moment sind wir alle — passiv und aktiv — Mitbeteiligte im gefährlichen Spiel globaler Nationalismen und Faschismen. Statt diesen ökonomisch angefachten Totalitarismen politisch entgegenzuwirken, wird ihnen mit Angstszenarien und Abschottung begegnet und mithin stattgegeben.

Es heißt, die Mehrheit der Menschen positioniere sich politisch gegen solche humanitären Katastrophen, es seien lediglich die Stimmen derjenigen — in den Sozialen Medien — verlautbar, die irrationale Ängste vor sich hertrieben. Wenn das so ist, dann stimmt mit der Idee der Demokratie grundsätzlich etwas nicht (mehr). Zur Zeit schafft EUropa (eu, Gr. gut) sich ab und eine Ahnung von OUropa (ou, Gr. nicht, kein) entsteht.

Gehen

Schreiben / Berlin-Wedding / Gehen / Literatur

Als die Fertigstellung meiner Dissertation mental anstrengend wurde, habe ich begonnen regelmäßig spazieren zu gehen — alle paar Tage, etwa eine Stunde, zwei Stunden, dann bis zu drei Stunden täglich. Gesegnet ist, wer Zeit dafür hat. Ich hatte, mit längeren Unterbrechungen, nahezu zwei Jahre Gelegenheit dazu! Zuerst führten mich meine Wege – das Nordufer und den Plötzensee hinter mir lassend – durch den bewaldeten Volkspark Rehberge, später auch durch die Westberliner Innenstadt, meist um Bibliotheksgänge zu erledigen. Das geschah oft am frühen Nachmittag, vor oder nach dem Mittagessen, jedenfalls als die Denkarbeit für den Tag erledigt schien bzw. meine Konzentrationsfähigkeit zuneige ging. Routinen helfen den Tag zu strukturieren. Gehen ist heilsam. Kopf und Körper vereinen sich.

Diese Obsession hat als intuitiver Stressabbau begonnen. Nun, als professionelle Spaziergängerin, weiß ich, dass es dazu reichlich Literatur gibt. Erst kürzlich wurde Rebecca Solnits “Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens” ins Deutsche übertragen und die neuste Ausgabe der Zeitschrift Kunstforum (266) titelt “Die Kunst des Gehens” — ich bin gespannt.

Mermaiding

Alltag / Antifeminismus / Berlin-Wedding / Schreiben / Schwimmen

Nach längerer Zeit habe ich das Kombibad Seestraße mal wieder besucht — eine Nord-West-Berliner Institution, die mit zwei 50-Meter-Becken (für Schwimmerinnen wie mich) und wenigen unaufdringlichen Spaßbadelementen (für Kinder) aus dem Wedding, sommers wie winters, nicht wegzudenken ist. Ich habe diesem Schwimmbad viel zu verdanken. Temporäre Denkknoten und Schreibblockaden haben sich unter Wasser aufgelöst bzw. in sinnfällige Textpassagen verwandelt. Der bewegte Körper bewegt den Geist. Dieses Bad ist — bunt und lebendig — ein Spiegelbild seiner Nachbarschaft.

Aber auch hier räumt der “kraulende Mann” — auf der selben Bahn in entgegengesetzter Richtung — der “brustschwimmenden Frau” keinen Platz ein; die Frau weicht, wenn auch widerwillig, notgedrungen aus. Die Hierarchien sind klar. Beim Schwimmen gibt es keinen (ausgleichenden) Dialog.

Einige Bahnen später tauche ich auf; gönne mir eine kurze Pause am Beckenrand mit Blick auf den Wasserspielbereich der Kinder. Ich sehe ein Mädchen von etwa zehn Jahren in ein Kostüm schlüpfen — Wunsch-Personae: Meerjungfrau. Sie steigt in ein mit blau-grünen Fischschuppen illustrierten und delfin-großer Fischflosse applizierten Nylon-Schlauch; damit pfercht sie ihre Beine zusammen, unfähig auch nur einen Schritt zu laufen. Überrascht bin ich nicht, aber hochgradig irritiert.

Mindset

Pluralismus / Postkolonialismus / Weltganzes / Zitat

[I]m Moment beobachten wir die schwierige Geburt einer neuen Art Gemeinschaft aus der realisierten Totalität aller Gemeinschaften der Welt. Sie wird realisiert in Konflikt, Ausschluß, Massaker, Intoleranz, aber immerhin realisiert, denn heute träumen wir nicht mehr vom Welt-Ganzen, wir stehen mit ihm in Verbindung, wir sind mittendrin. 

Was traditionell ein universalisierender und vereinheitlichender Traum des Dichters war, wird für uns zu einem schwierigen Eintauchen in eine Chaos-Welt. […] [Aber] [d]as Chaos ist schön, wenn man all seine Bestandteile als gleich notwendig betrachtet.

Édouard Glissant (2005 [Frz. 1996]) 
Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, S 27

Absichtserklärung

Absichtserklärung / Literatur

Konfrontiert mit der Frage: Was nun? oder auch: Was tun? (Wladimir I. Lenin) versuche ich auf diesem Wege meiner (weiblichen) Stimme Gehör zu verschaffen.

Nach zehn Jahren akademischer Lehrtätigkeit und Lebenserfahrung beginnt nun — ohne damit brechen zu wollen — etwas Neues; was auch immer es sein wird. Hinter mir liegt ein fünf Jahre währender und leidenschaftlich gelebter Promotionswahnsinn, wovon ich zwei Jahre unter Ausschluss der — auch befreundeten — Öffentlichkeit in einem “Zimmer für mich allein” (Virginia Woolf) verbrachte.

Mein bisheriges gesellschaftliches Stillschweigen über den genauso wunderbaren wie fatalen Irrsinn der Welt im Spätkapitalismus — oder sollte ich besser sagen im Anthropozän (ein misslicher Begriff) — ist keine Option mehr.

Die Finalisierung meiner Dissertation (über Mikro-Utopien der Architektur), geschrieben für ein breites, d. h. meiner Weltperspektive außenstehendes Publikum, hat Kraft gekostet. Es wäre lächerlich zu behaupten, dass sinnstiftendes Schreiben keine Kraft kostete; aber welche Arbeit kostet keine — wie auch immer geartete — Lebenskraft?

Als “unabhängige Frau” von — kaum mehr — 30 Jahren muss ich mir nun die Frage stellen: Wozu das alles? Meine antikapitalistische Überzeugung ist unbedingt, meine Leidenschaft bzw. Sendungsbewusstsein für alternative Lebensentwürfe ist hoch, die Resonanz meiner Peer- und Zielgruppe ist wünschenswert, aber die Anerkennung fehlt, jedenfalls finanziell, d. h. die Zukunft stellt sich in meiner derzeitigen Lebensperspektive eher als Leerstelle denn als Lehrstelle ein.

Das Persönliche ist politisch, um ein 1968er Klischee zu bemühen, das unbestreitbar nach Erneuerung verlangt, in einer Welt, die bereits unumkehrbar vernetzt ist und immer weiter zusammenrücken wird, auch gegen den Willen derer, die angstangereicherte, d. h. nationalistische oder faschistische Rhetorik verbreiten.

Das ist der Versuch einer gesellschaftlichen Positionierung in der Digitalmoderne — im Anschluss an die erfolgreiche “Verteidigung” meiner Dissertation (Disputation) im Fach Architekturtheorie (TU Berlin, Feb. 2020), what a journey!