Gehen

Berlin-Wedding / Gehen / Literatur / Schreiben

Als die Fertigstellung meiner Dissertation mental anstrengend wurde, habe ich begonnen regelmäßig spazieren zu gehen — alle paar Tage, etwa eine Stunde, zwei Stunden, dann bis zu drei Stunden täglich. Gesegnet ist, wer Zeit dafür hat. Ich hatte, mit längeren Unterbrechungen, nahezu zwei Jahre Gelegenheit dazu! Zuerst führten mich meine Wege – das Nordufer und den Plötzensee hinter mir lassend – durch den bewaldeten Volkspark Rehberge, später auch durch die Westberliner Innenstadt, meist um Bibliotheksgänge zu erledigen. Das geschah oft am frühen Nachmittag, vor oder nach dem Mittagessen, jedenfalls als die Denkarbeit für den Tag erledigt schien bzw. meine Konzentrationsfähigkeit zuneige ging. Routinen helfen den Tag zu strukturieren. Gehen ist heilsam. Kopf und Körper vereinen sich.

Diese Obsession hat als intuitiver Stressabbau begonnen. Nun, als professionelle Spaziergängerin, weiß ich, dass es dazu reichlich Literatur gibt. Erst kürzlich wurde Rebecca Solnits “Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens” ins Deutsche übertragen und die neuste Ausgabe der Zeitschrift Kunstforum (266) titelt “Die Kunst des Gehens” — ich bin gespannt.

Mermaiding

Alltag / Antifeminismus / Berlin-Wedding / Schreiben / Schwimmen

Nach längerer Zeit habe ich das Kombibad Seestraße mal wieder besucht — eine Nord-West-Berliner Institution, die mit zwei 50-Meter-Becken (für Schwimmerinnen wie mich) und wenigen unaufdringlichen Spaßbadelementen (für Kinder) aus dem Wedding, sommers wie winters, nicht wegzudenken ist. Ich habe diesem Schwimmbad viel zu verdanken. Temporäre Denkknoten und Schreibblockaden haben sich unter Wasser aufgelöst bzw. in sinnfällige Textpassagen verwandelt. Der bewegte Körper bewegt den Geist. Dieses Bad ist — bunt und lebendig — ein Spiegelbild seiner Nachbarschaft.

Aber auch hier räumt der “kraulende Mann” — auf der selben Bahn in entgegengesetzter Richtung — der “brustschwimmenden Frau” keinen Platz ein; die Frau weicht, wenn auch widerwillig, notgedrungen aus. Die Hierarchien sind klar. Beim Schwimmen gibt es keinen (ausgleichenden) Dialog.

Einige Bahnen später tauche ich auf; gönne mir eine kurze Pause am Beckenrand mit Blick auf den Wasserspielbereich der Kinder. Ich sehe ein Mädchen von etwa zehn Jahren in ein Kostüm schlüpfen — Wunsch-Personae: Meerjungfrau. Sie steigt in ein mit blau-grünen Fischschuppen illustrierten und delfin-großer Fischflosse applizierten Nylon-Schlauch; damit pfercht sie ihre Beine zusammen, unfähig auch nur einen Schritt zu laufen. Überrascht bin ich nicht, aber hochgradig irritiert.

Mindset

Pluralismus / Postkolonialismus / Weltganzes / Zitat

[I]m Moment beobachten wir die schwierige Geburt einer neuen Art Gemeinschaft aus der realisierten Totalität aller Gemeinschaften der Welt. Sie wird realisiert in Konflikt, Ausschluß, Massaker, Intoleranz, aber immerhin realisiert, denn heute träumen wir nicht mehr vom Welt-Ganzen, wir stehen mit ihm in Verbindung, wir sind mittendrin. 

Was traditionell ein universalisierender und vereinheitlichender Traum des Dichters war, wird für uns zu einem schwierigen Eintauchen in eine Chaos-Welt. […] [Aber] [d]as Chaos ist schön, wenn man all seine Bestandteile als gleich notwendig betrachtet.

Édouard Glissant (2005 [Frz. 1996]) 
Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, S 27

Absichtserklärung

Absichtserklärung / Literatur

Konfrontiert mit der Frage: Was nun? oder auch: Was tun? (Wladimir I. Lenin) versuche ich auf diesem Wege meiner (weiblichen) Stimme Gehör zu verschaffen.

Nach zehn Jahren akademischer Lehrtätigkeit und Lebenserfahrung beginnt nun — ohne damit brechen zu wollen — etwas Neues; was auch immer es sein wird. Hinter mir liegt ein fünf Jahre währender und leidenschaftlich gelebter Promotionswahnsinn, wovon ich zwei Jahre unter Ausschluss der — auch befreundeten — Öffentlichkeit in einem “Zimmer für mich allein” (Virginia Woolf) verbrachte.

Mein bisheriges gesellschaftliches Stillschweigen über den genauso wunderbaren wie fatalen Irrsinn der Welt im Spätkapitalismus — oder sollte ich besser sagen im Anthropozän (ein misslicher Begriff) — ist keine Option mehr.

Die Finalisierung meiner Dissertation (über Mikro-Utopien der Architektur), geschrieben für ein breites, d. h. meiner Weltperspektive außenstehendes Publikum, hat Kraft gekostet. Es wäre lächerlich zu behaupten, dass sinnstiftendes Schreiben keine Kraft kostete; aber welche Arbeit kostet keine — wie auch immer geartete — Lebenskraft?

Als “unabhängige Frau” von — kaum mehr — 30 Jahren muss ich mir nun die Frage stellen: Wozu das alles? Meine antikapitalistische Überzeugung ist unbedingt, meine Leidenschaft bzw. Sendungsbewusstsein für alternative Lebensentwürfe ist hoch, die Resonanz meiner Peer- und Zielgruppe ist wünschenswert, aber die Anerkennung fehlt, jedenfalls finanziell, d. h. die Zukunft stellt sich in meiner derzeitigen Lebensperspektive eher als Leerstelle denn als Lehrstelle ein.

Das Persönliche ist politisch, um ein 1968er Klischee zu bemühen, das unbestreitbar nach Erneuerung verlangt, in einer Welt, die bereits unumkehrbar vernetzt ist und immer weiter zusammenrücken wird, auch gegen den Willen derer, die angstangereicherte, d. h. nationalistische oder faschistische Rhetorik verbreiten.

Das ist der Versuch einer gesellschaftlichen Positionierung in der Digitalmoderne — im Anschluss an die erfolgreiche “Verteidigung” meiner Dissertation (Disputation) im Fach Architekturtheorie (TU Berlin, Feb. 2020), what a journey!