So ein Theater!

Lehre / Literatur / Politik / um 1600 / Zeitgeschehen / Zitat

Wann immer sie an den Hof gekommen war, um die Eltern zu besuchen, hatten dort Theatervorstellungen stattgefunden. Leute standen auf der Bühne und verstellten sich, aber sie hatte sofort begriffen, dass das gar nicht stimmte und dass auch die Verstellung bloß eine Maske war, denn falsch war nicht das Theater, nein, alles andere war Getue, Verkleidung und Firlefanz, alles, was nicht Theater war, war falsch. Auf der Bühne waren die Menschen sie selbst, ganz wahr, völlig durchsichtig.

Im wirklichen Leben sprach keiner Monologe. Da behielt jeder seine Gedanken für sich, da konnte man nicht in Gesichtern lesen, da schleppte jeder das tote Gewicht seiner Geheimnisse. Niemand stand allein in seinem Zimmer und redete laut darüber, was er wollte und fürchtete, aber wenn Burbage das auf der Bühne tat, mit seiner knarrenden Stimme, die sehr dünnen Finger auf Augenhöhe, kam es einem unnatürlich vor, dass alle immerzu versteckten, was in ihnen vorging. Und was für Wörter er gebrauchte! Reiche Wörter, seltene, die schimmerten wie wertvolle Stoffe — Sätze, so perfekt gefügt, wie man es selbst nie fertig gebracht hätte. So sollte es sein, sagt einem das Theater, so solltest du reden, so dich halten, so fühlen, so wäre es, ein wahrer Mensch zu sein.

Daniel Kehlmann (2017) Tyll. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S. 231-232