Der zarte Osten

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Den deutschen Osten erlebe ich seit jeher aus bundesrepublikanischer Perspektive. Aufgewachsen bin ich am “anderen Ende” der Luftbrücke, d. h. Nahe an Wiesbaden. Meine ersten Erinnerungen sind sprachlicher Natur. Meine hessische Großmutter raunte hin und wieder, dass sie ein Paket für die Ostzone schnüre oder dass bald Besuch aus jener Zone komme. Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll … diese nebulös umschriebene Zone im Osten. Welche Zone, welcher Osten überhaupt? Erklärt wurde es mir nicht, aber auch nicht aktiv verschwiegen. Jedenfalls meine ich, Erklärungen gingen in der Banalität des Alltags unter, auch schlicht deshalb, weil es keine einfachen Antworten auf die kindlichen Fragen gab. Der Westen war der Westen. Der Osten war der Osten. Weshalb sollte man sich aufreiben? USA, die demokratischen Freunde. UdSSR, die kommunistischen Gegenspieler. Kalter Krieg halt. So einfach war die Realität in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Lagerdenken, was hat man als Kind damit zu tun? Als die Mauer fiel wurde ich gerade neun Jahre alt.

Mitte der 1990er schien mir meine Generation, nein die ganze Gesellschaft, unerträglich unpolitisch, dabei stand damals schon Einiges zu befürchten. Ich war politisch aufgewühlt, jedenfalls musikalisch. Die Bands meiner Wahl sangen von toten Wäldern, saurem Regen, verseuchten Flüssen, über das Ozonloch, über eine ökonomisch bald verspielte Zukunft und auch über die strukturell (nicht de-)installierten Nazis … aber ja, irgendwie interessierte das Niemanden so recht. Die Dinge gingen ihren Gang.

Und nun? Ich bin seit fast 10 Jahren im deutschen Osten, genauer gesagt in Berlin (City West), lebe im roten Wedding und arbeite im bürgerlichen Charlottenburg. Herrje. Berliner Freiheitlichkeit, immer noch. Vor einer ganzen Weile hatte ich mich mal in einen Mann verliebt, der in Chemnitz (ehemals: Karl-Marx-Stadt) aufgewachsen ist; ein typischer Ossi, so seine Selbstbeschreibung. Jener Mann hielt mir, als wir noch Kontakt hatten, des Öfteren meinen akademischen, feministisch-überformten Salon-Marxismus vor. Jetzt haben wir keinen Kontakt mehr und die Sinnhaftigkeit eines freudo-marxistischen Denkens konnte ich ihm bis dahin auch nicht näherbringen. Ich bin im Kapitalismus, nicht im Sozialismus aufgewachsen. Und ja, ich verstehe die Unterschiede und damit einhergehende biographische Prägungen, eine grundsätzlich regimekritische Haltung (bisweilen an Verfolgungswahn grenzend) mittlerweile besser und immer besser. Kommunismus ist für mich auch nur noch eine abstrakte, akademisch-romantische Zielvorgabe.

Ich ahne die Enttäuschungen, die Emotionen, die das Verschwinden eines Staates, eines Gesellschaftssystems mit sich bringt. Ich lese, um zu verstehen, aktuelle Reflexionen, zugegebenermaßen Spiegel-Bestseller, z. B. Bücher von Lutz Seiler oder Greta Taubert … all jene, durch die sich DDR-Prägungen erschließen lassen. Auch berührt mich Monika Maron und die Aufregung um ihren (stellenweise nachvollziehbaren) Rausschmiss aus dem Fischer Verlag … sprich die Diskussionen und Konsequenzen von streitbaren politisch-ästhetischen Annäherungen. Dabei immer Verletzungen durch die Dominanz der westdeutschen Arroganz im Hinterkopf. Biographien verneinen ist einfacher (und auch von schlichterem Gemüt) als sich Wahrheiten zu stellen, auch wenn sie unbequem sind, Ängste hervorrufen.

Ist das Demokratie, all jene mundtot zu machen, die eine andere Meinung haben? Aufgepasst: Cancel Culture — ein Vorwurf der Konservativen oder der Aufklärer, je nachdem. Ja? Ich zähle mich zum linken Mainstream. Komme aber immer mehr zur Überzeugung, dass auch das nicht unhinterfragt bleiben darf. Natürlich immer mit kritischem Geist. Ich wehre mich aktiv gegen alles Rechte, Faschistoide und Totalitäre, aber sollte man gerade dann nicht in der Lage sein, sich selbst zu hinterfragen, um dann im schlimmsten Falle, was man erwarten kann in den nächsten Jahren, wach zu sein, um sich mit denen zu verbünden, die sich, im besten Sinne ihres historisch-kritischen Intellekts gewahr sind?!

Es ist, auch gerade aus deutscher Perspektive, ein hochgradig sensibles Thema. Wach bleiben. Wir müssen wach bleiben. Aber wer sind wir? Deutschland, der Westen ist, kann man behaupten, eine US-amerikanische Erfindung! Ich denke auch, dass man vieles von den östlichen Bundesländern lernen kann, z. B. trotz kultureller Sinnsuche bei den Dingen zu bleiben, individuelle Authentizität, und vor allem (zwischen-)menschliche Zartheit.

Ich kann nachvollziehen, weshalb der ost-sozialisierte Mensch den west-sozialisierten Menschen stellenweise als kaum erträglich empfindet, denn seine spätkapitalistische Brutalität ist bisweilen nicht auszuhalten. Die übergriffige Performanz um den Willen der Selbstdarstellung ist oberflächlich. Manchmal erlebe ich mich gar selbst aus dieser Perspektive. Erlebe mich als dominant, über Sensibilitäten hinwegbügelnd, situativ vorlaut, verkaufs- und medienaffin; ein Antimodell zu genuiner Lebensfreude und zwischenmenschlicher Feinsinnigkeit. Jetzt habe ich mich wieder verliebt, in ein Westberliner Mauerkind — ob das nun Zufall ist?

Der Osten fühlt sich wie der zeitgenössischere Teil Deutschlands an. Mit all seinen Widersprüchen, Schwierigkeiten, aber auch seinen Experimentierfreuden in noch existierenden Freiräumen, jung, offen, neugierig. Der Westen hingegen erscheint mir dagegen wie die alte Tante, die vor langer Zeit einen Pachtvertrag mit der Deutungshoheit der Gegenwart geschlossen hat, mürrisch, selbstverliebt, verschlossen und bisweilen allzu unflexibel, um wirkliche Veränderungen willkommen zu heißen.

Ob Polarisierung nun der richtige Weg ist, darüber lässt sich streiten.