Digitale Ortlosigkeit

Alltag / Corona

Das Umherirren in fremden Gebäuden, z. B. um zu einem Seminarraum zu eilen, fand in den letzten Monaten ein jähes Ende. Heute geht es zur richtigen Zeit (via Link) zum richtigen virtuellen Raum, den man sich in den 1990er Jahren noch weitaus aufregender, weniger dröge-pragmatisch vorgestellt hatte. Digitale Räumlichkeiten tun sich derzeit viele auf, z. B. für interne Besprechungen und Seminare, öffentliche Gesprächsrunden, Organisationsmeetings mit dem Verein oder Treffen mit Freunden und Bekannten am Abend. Man muss sich nicht mehr in die Atmosphäre eines Ortes oder die anfängliche Stimmung in einem Raum hineinspüren, sondern sich lediglich über die unterschiedlichen User Interfaces informieren: Wie läßt sich das Mikrofon, die Web-Cam oder das Teilen des Bildschirms steuern, welche zusätzlichen Plugins kann man einsetzen? Die Unsicherheit geht von der Technik aus, Spielertypen haben es dieser Tage leichter. Die Realität reduziert sich auf den eigenen Schreibtisch, den immergleichen mit Menschenantlitzen gekachelten Monitor. Die allgemeine Organisation läuft weiter, es wird geplant, besprochen, verhandelt, vorsichtig terminiert; alles mit einem Wunsch nach Besserung, nur welcher? Vielleicht begegnet man sich im Sommer in München, vielleicht aber auch nur online oder doch ein Hybrid-Format? Immer Plan B, C, D schon im Hinterkopf, zeitlich und konzeptionell.

Es gibt zur Zeit ein Überangebot virtueller Veranstaltungen. Man könnte den Tag nahtlos damit zubringen der Online-Präsenz mitteilungsbedürftiger Menschen zuzuhören und zuzusehen. Nie war das Bildungsangebot so horizontal, nie war meine Lust darauf so gering. Die öffentlichen Gesprächsreihen sind so vielzählig, dass es mir positiv auffällt, wenn eine Institution sich in Enthaltung übt und sich nicht zu Wort meldet, d.h. die gewonnene Zeit möglicherweise zur Reflexion nutzt, um der post-Corona-Phase mit frischem Geist zu begegnen. Wahrzunehmen ist bereits eine neue Offenheit bzw. Durchlässigkeit des Diskurses, insbesondere gegenüber neuen Formaten (online und offline), aber auch gegenüber der Infragestellung des eigenen Tuns und dem Wille zur experimentellen Zusammenarbeit. Ich hege die Hoffnung, dass in dieser Phase des Rückzugs viele Dinge im privaten bzw. nicht-öffentlichen Raum sich entwickeln und entstehen, utopische Hoffnungen geschult werden, die die post-Corona-Kultur prägen können. Die Welt könnte eine andere werden. Es ist eine Zeit des Mutes, in der man tun sollte, wozu man sich berufen fühlt, im Kleinen wie im Großen. Wenn die Energien nicht in Organisationsfragen (Familie, Arbeit, Gesundheit) abgeflossen sind, werden sie vielleicht genutzt, um vieles, was vorher schon nicht funktioniert hat umzubauen. Ob es ein Danach überhaupt geben wird, in der der aufgestaute Lebenshunger sich bahnbrechen kann, bleibt abzuwarten.