Europäisches Bauhaus oder zur Kulturalisierung von Politik

Architektur / Bauhaus / EU / Green Deal / Klimawandel / Kritik

Die derzeitige Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen verkündete kürzlich ein neues Europäisches Bauhaus. Das klingt, grob besehen, erst einmal gut und klug; kritischen Geistern verlangt es jedoch lediglich ein müdes Lächeln ab.

In einem digitalen Faltblatt der EU Kommission ist zu lesen: Das neue Europäische Bauhaus wird die praktische Umsetzung des europäischen Grünen Deals vorantreiben — auf attraktive, innovative Weise, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit den Grundsätzen Nachhaltigkeit, Inklusivität und Ästhetik soll es den Menschen den europäischen Grünen Deal näherbringen. Jeder sollte den ökologischen Wandel sehen, fühlen und erfahren können. […] Erste Welle ab 2021, Zweite Welle 2023. {In der englischen Fassung des Factsheets klingt das deutlich besser. Anm. d. Verf.}

Auch der dänische Architekt Bjarke Ingels (BIG) will nichts weniger als den Planeten am “Zeichenbrett” retten: A unified and planet-wide approach is crucial, he believes, and architects, rather than politicians or activists, have the skills and knowledge to put together a working plan.

Das herbe Gerücht einer Weltrettung durch Architektur kursiert schon sehr lange. Bereits in den 1970er Jahren auf den Punkt gebracht, z. B. von Lucius Burckhardt:

Der Glaube, dass durch Gestaltung eine humane Umwelt hergestellt werden könne, ist einer der fundamentalen Irrtümer der Pioniere der modernen Bewegung. Die Umwelten der Menschen sind nur zu einem geringen Teil sichtbar und Gegenstand formaler Gestaltung; zu weit größerem Teil aber bestehen sie aus organisatorischen und institutionellen Faktoren. Diese zu verändern ist eine politische Aufgabe.

Philipp Oswalt äußerte in einem Gespräch dazu jüngst berechtigte Kritik: Die Verantwortungsübertragung auf die Architekt*innenschaft enthebt die Politik aus ihrer eigentlichen Funktion. Der kritische Zusammenhang von Ästhetik und Politik wird in dieser offensiven Kulturalisierungstendenz von Politik evident. Die Postmoderne lässt grüßen und die sprachlose Ohnmacht der Politik in der Globalisierungsmoderne wird deutlich.

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/ursula-von-der-leyen-ein-neues-europaeisches-europa-17006741.html
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/FS_20_1894
https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/FS_20_1894
https://www.dezeen.com/2020/10/27/bjarke-ingels-big-masterplanet-climate-change-architecture-news/
https://time.com/collection/great-reset/5900743/bjarke-ingels-climate-change-architecture/
Lucius Burckhardt (1970) Design heisst Entwurf, nicht Gestalt! In: Ders. (2012) Design heisst Entwurf. Zwei Texte und vier Aquarelle mit einem Vorwort von Bazon Brock. Hrsg. v. Jesko Fezer, Oliver Gemballa, Matthias Görlich. Studienhefte. Problemorientiertes Design 3. Adocs Verlag, Hamburg, S. 9.