Vitruv, damals und heute

abk— / Antike / Architekturgeschichte / Lehre / Zitat

Bereits mit De architectura wurde ein architekturtheoretisches Fundament errichtet, das sich auch aus späterer Sicht als erstaunlich stabil erweist. Selbstverständlich haben sich mit den Bauaufgaben und den Gesellschaftsordnungen die Bedingungen des Bauens und damit auch die speziellen Inhalte der Theorie grundlegend gewandelt. An die Stelle von Tempeln sind Bürohochhäuser als Leitsektor der Architektur getreten. Entworfen wird nicht mehr mit Ritzzeichungen auf Steinplatten, sondern mit computergestützten Bildverfahren. Und firmitas wird unter den Vorzeichen des Einsatzes von synthetischen Materialien auf Haltbarkeitszyklen begrenzt. Aber dessen ungeachtet bleiben Grundlinien des theoretischen Nachdenkens von Vitruv gültig. Dies gilt zunächst für die Theoriefähigkeit von Architektur als solcher. Es betrifft aber auch die […] geschichtlichen, sozialen, und ästhetischen Bedeutungen von Architektur. Und nicht zuletzt erweisen sich die drei Grundbegriffe Vitruvs als durchaus konstant. Denn wenn in einem modernen Verständnis für die Definition von Architektur die Kategorien von Material, Raum und Repräsentation aufgeboten werden, so zeichnet sich dahinter immer noch die keineswegs völlig ferngerückte Erinnerung an Vitruvs Trias von firmitas, utilitas und venustas ab.

Dietrich Erben (2017) Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. CH.Beck, München, S. 24-25