Fernweh und Erinnerungen

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Erinnerungen fallen oft ungewollt aus heiterem Himmel in die halbdunkle Schlaflosigkeit. Dann liegen sie im Gedankenraum herum, wie aufdringlich schillernde Kristalle, die längst Vergangenes in zahllosen Facetten, kaleidoskopartig widerspiegeln und betrachtet werden wollen. Menschen. Orte. Je nachdem, schmerzhaft schön, irritierend reuevoll, mit ungeliebten Einschlüssen der Vergangenheit oder Lichtreflexen auf die Gegenwart.

Was wäre, wenn man mit hellseherischem Weitblick anders gehandelt hätte? Das kann aufwühlen, beruhigt aber genau besehen, denn diese Art der Unwissenheit bindet Entscheidungen mit spielerischer Naivität an die jeweilige Situation zurück, auch ans Jetzt. Könnte man mit wissendem Blick in die Zukunft entscheiden, wäre das Leben vermutlich nicht er-lebbar.

Im Moment erinnere ich vor allem konkrete Orte und Straßen, in denen ich längere Zeit gelebt habe; verbunden mit einer Spur Wehmut bzw. Fernweh — Phase-Eins der Corona-Pandemie geschuldet. In aller biografischen Kürze: Wiesbadener Kindheit und Jugend, Zwischenstation Garmisch-Partenkirchen, Studium in Stuttgart, Sinnsuche in Tallinn, traumwandlerische Passage in Paris, Horizontsprengung in London, noch einmal Stuttgart und in den letzten Jahren Berlin. Berlin. Berlin, mit viel Raum für die ewig Suchenden.

Dazu gesellt sich so manche Reise, die mich auf ihre je eigene Weise mit der Welt verbindet; oft vermittelt durch das Studium der Architektur. Auswahl, alphabetisch: Amsterdam, Bethlehem, Bologna, Bratislava, Budapest, Caracas, Como, Dresden, Dubrovnik, Florenz, Haifa, Jerusalem, Kaunas, Leipzig, Lissabon, Lyon, Mailand, Marseille, München, Nowgorod, Padua, Peking, Porto, Prag, Reims, Salzburg, Shenyang, Siena, St. Petersburg, Tel Aviv, Urbino, Venedig, Vicenza, Vilnius, Warschau, Wien, Zürich … ach, und die Landschaften, das Rheingau und der Niederrhein, so manche Nordseeinsel und Rügen, das Allgäu, diverse Bodenseeufer, die südenglische Isle of Wight, Nord- und Ostküstenabschnitte des Mittelmeers, Korsika und Sardinien, die Toskana und Ligurien, der Atlantik in Frankreich und Portugal, die österreichischen Alpen und die Märkische Schweiz.

Dann gibt es Städte, die mir Phantomschmerzen bereiten bzw. an die mir schlicht Erinnerungen fehlen, weil ich den Plänen, sie zu besuchen, nicht nachkommen konnte: zuerst Casablanca, dann Athen, Barcelona, Kairo, Ljubljana, Moskau, Mumbai und nicht zuletzt Rom (ja!); Liste unvollständig.