Harry Gerlachs bunte Bauten

Architektur / Berlin / Farbe / Fassade / Stadtgestalt

Harry Gerlach war ein thüringischer Schriftsteller und Heimatforscher, findet man auf Wikipedia. Aber um den soll es hier nicht gehen. Sein Namensvetter — Harry Gerlach — ist ein Berliner Wohnungsunternehmer (und mutmaßlich im ersten Leben ein leidenschaftlicher Malermeister), der nach dem Zweiten Weltkrieg und vermutlich ebenfalls kurz nach der Wende zahlreiche Berliner Wohnblocks aufgekauft bzw. gebaut und mit unübersehbar bunten Fassadenanstrichen versehen hat. Die akuell unternehmensführenden Töchter beschreiben ihren Vater in einem Interview als “Zeitzeuge des Berliner Nachkriegsimmobilienmarkts […] [der] ihn aktiv mitgestaltet hat” (https://www.harry-gerlach.de/unternehmen/interview/).

Die quietschfidele Fassadengestaltung lässt auf einen kindlichen Spieltrieb in Folge der Nachkriegstristesse schließen, lässt sich aber auch als verhaltensauffällige Stadtgestaltung oder prä-postmoderne Verirrung — und ich schätze die Postmoderne generell sehr — beschreiben, die in diesem Fall jedoch jeglicher ästhetischen Empfindung entbehrt. Und es sind viele, über die gesamte Stadt verteilte, mehrstöckige Gebäudekomplexe, teils ganze Wohnblocks, mit jeweils prominenter Fassadenausrichtung. In Erinnerung bleiben vor allem die Farben sonnengelb, alarmorange, verkehrsblau, kirchentagsviolett und grasgrün. Pflegt man einen dehnbaren Begriff heterogener Stadtgestalt, verzeiht man ihm diesen kunterbunten architektonischen Aufschrei bzw. Marketinggag; teils inkl. Statements zum entsprechenden Kiez. Da ist jemand seinem persönlichen Auftrag gefolgt. Er muss gute Freund*innen in den zuständigen (damals vermutlich bereits) Westberliner Baubehörden gehabt haben.