Ouropa

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Das, was sich zur Zeit an der EU-Außengrenze Griechenlands zur Türkei abspielt erinnert an dystopische Filmszenen aus den Nullerjahren. Die politische „Festung Europa“ wird abgeriegelt, um die Effekte kriegerischer Auseinandersetzungen „außen“ vor zu halten; falls es ein Außen noch geben kann. In den deutschen Medien wird eine „weitere Flüchtlingskrise“ heraufbeschworen, daran erinnernd, dass sich „ein 2015“ nicht wiederholen dürfe.

Angela Merkel postulierte damals „Wir schaffen das!“ in Anlehnung an Barack Obamas “Yes, we can!“ — jedenfalls meine ich, dass das kein rhetorischer Zufall war; definitiv ein kurzes Moment des politischen Optimismus.

Heute wird die Verantwortung reflexartig Anderen zugeschoben. Dass Abschottung langfristig aussichtslos ist, zeigt derzeit das neue, bisher verhältnismäßig harmlos verlaufende Coronavirus (COVID-19). Die Maßnahme der Quarantäne ist ein 40-tägiger Ausnahmezustand zur Behandlung und Betreuung der Gefährdeten und zum Schutz der Restbevölkerung. Das politische Europa dreht dies derzeit um und wird selbst zur Sonderzone für die (nicht nur) wirtschaftlich Bessergestellten. Um „die Anderen“ auszuschließen, schließt man sich selbst ein. Dass die — für viele Menschen — überwiegend positiven Seiten der Globalisierung auf ihren negativen Seiten lastet, d. h. auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft, ist unbestritten, aber scheint — bei vielen Menschen — nicht ankommen zu wollen; diese Einsicht würde wohl die gewohnten Annehmlichkeiten infrage stellen.

Was fiktive Dystopien kulturell so erfolgreich macht, ist ihre Verlegung in eine weit entfernte Zukunft; ein Ersatz-Schauer wird bei den Rezipient*nnen erzeugt. Danach lässt es sich vielleicht besser schlafen bzw. zur notwendigen Alltagsruhe zurückkehren, weil ein Worst Case bzw. Grenzfall zwar imaginativ durchgespielt, aber — so die Hoffnung — niemals eintreten wird. Im Moment sind wir alle — passiv und aktiv — Mitbeteiligte im gefährlichen Spiel globaler Nationalismen und Faschismen. Statt diesen ökonomisch angefachten Totalitarismen politisch entgegenzuwirken, wird ihnen mit Angstszenarien und Abschottung begegnet und mithin stattgegeben.

Es heißt, die Mehrheit der Menschen positioniere sich politisch gegen solche humanitären Katastrophen, es seien lediglich die Stimmen derjenigen — in den Sozialen Medien — verlautbar, die irrationale Ängste vor sich hertrieben. Wenn das so ist, dann stimmt mit der Idee der Demokratie grundsätzlich etwas nicht (mehr). Zur Zeit schafft EUropa (eu, Gr. gut) sich ab und eine Ahnung von OUropa (ou, Gr. nicht, kein) entsteht.