Einsamkeit in der Großstadt

Architektur / Corona 2020 / Gesellschaft / Politik / Spätmoderne

Einige Monate bevor die Weltgesellschaft ahnte, dass ihr ein globaler Ausnahmezustand bevorstehen und das Thema Einsamkeit als eines der drängendsten Themen unserer Zeit besprochen werden wird … ist mir das Phänomen Einsamkeit in der Großstadt im Zuge einer Recherche als ein drängendes architektonisches Thema aufgefallen. Ein Thema, das vor allem ältere, alleinstehende Menschen betrifft; aber auch viele andere. Es sollte ein studentischer Workshop zu neuen Wohnformen werden, der letztlich abgesagt wurde. Ein traditionelles Zusammenleben der Großfamilie gibt es, vor allem in Städten, heute nicht mehr. Bürgerliche Kernfamilien, ein Elternpaar mit eins zwei drei Kindern, leben in Wohnungen, die im besten Falle ca. 30 qm für jedes Mitglied bereithalten, vielleicht plus Außenfläche, Balkon oder Garten. Schön, wenn der Familienverbund gut funktioniert.

Ist das Zusammenleben dysfunktional, d. h. es wird aus einem Grund xyz nicht als solidarische Gemeinschaft erlebt, ob nun verwandtschaftlich oder in anderen Konstellationen, dann spielen (tendenziell negative) Effekte der gefühlten Einsamkeit für das körperliche und seelische Wohlbefinden eine entscheidende Rolle.

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt unterscheidet zwischen Alleinsein (Solitude), Einsamkeit (Loneliness) und Isolation. Vereinfacht dargestellt: Das Alleinsein kann durchaus produktiv sein bzw. genutzt werden und ist teils selbst gewählt. Die Einsamkeit ist auf Dauer für die Gesundheit besorgniserregend und meist nicht selbst gewählt. Die Isolation ist unfreiwillig, z. B. durch Haft, Armut oder auch Krankheit und gilt als Symptom totalitärer Regime (wozu unter Umständen auch die neoliberale Herrschaft zählt) und wird in diesen auch als Werkzeug eingesetzt, um unliebsame kritische Stimmen oder auch die politische Handlungsfähigkeit von Menschen (nicht nur an den gesellschaftlichen Rändern) kontrollieren bzw. unterdrücken zu können.