Berck und Subutex

Gesellschaft / Lesen / Literatur / Postmoderne / um 1900 / Zitat

Die zweifelhafte Angewohnheit stets mehrere Bücher für das private Vergnügen parallel zu lesen hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile überwiegen, z. B. hat man eine sich langsam aber immerzu verändernde Dauerauswahl, die allen Stimmungen und Gelegenheiten gerecht wird; setzt sich eines der ausgewählten Werke über längere Zeit nicht durch, bekommt ein anderes mehr Raum … und manchmal ergeben sich widerstreitende Synergien von denen man vorher nichts ahnte, die aber zu überraschenden Reflexionen anregen können. Neulich ergab sich, beim Parallellesen zweier, naja, sagen wir Klassiker, ein unvorhergesehener Zusammenprall von Sprechgewohnheiten, Milieus und Welten, deren Entstehungszeiten einander 120 Jahre trennen: „Sommer in Lesmona“, ein poetisch zarter Briefwechsel von Marga Berck und Bertha Elking, Freundinnen aus Kindertagen, deren jugendliche Sorge sich vor allem um eine bald verspielte Liebe im deutschen Bürgermilieu um 1900 dreht (eine Empfehlung von Wolfgang Herrndorf in „Arbeit und Struktur“) und „Das Leben des Vernon Subutex“, eine 3-bändige schonungslose Gesellschaftsanalyse verpackt in ein hedonistisch-postmodernes Personenpanorama, das in der Pariser Kulturszene um die letzte Jahrtausendwende spielt, verfasst von Virginie Despentes (ein französischer Bestseller, auch hierzulande). Im Folgenden sind bezeichnende Abschnitte unkommentiert nebeneinandergestellt:

Lesmona, Dienstag, den 5. Juni. Liebe liebste Bertha! […] Wir hatten dann also eine kleine Sommergesellschaft — zwanzig Personen zu Tisch, wie Onkel H. so ja oft hat. Dies waren nun hauptsächlich die jungen Ehepaare aus der Familie. Diese Frauen sehen ja wirklich alle so bezaubernd aus! Ich weiß nicht, ob Cata oder Mimi die Schönste war […] und alle in so eleganten Sommertoiletten. Onkel Herbert strahlte vor Stolz über seine Familie! An Unverheirateten waren nur Ally, Evi und ich mit Max, Percy und diesem Dr. jur. v. Sch. aus Wien, […]. Onkel Herbert hatte Max und Percy von mir weggesetzt, damit wir nicht cliquen sollten. Jetzt, wo Fräulein Kaiser weg ist, steckt Heinrich die Blumen ein, und er stopft immer viel zuviel in die Vasen und Schalen. […] Es war nun aber so, daß bei Tisch niemand sein vis-à-vis sehen konnte, und das war doch ungeschickt. Auch Percy und ich konnten uns absolut nicht sehen! Als Heinrich mir nun irgend etwas servierte, legte er einen kleinen zusammengefalteten Zettel neben meinen Teller. Ich las folgende Bleistiftworte: “Daisy, where are you? — I can’t see you, what an aweful arrangement!” Ich wurde knallrot, behielt den Zettel erst in der Hand und steckte ihn dann in die Tasche. […] Warum soll ich mich um die Zukunft quälen, wenn die Gegenwart sooo schön ist? […] In großer Liebe Deine Matti.

Marga Berck (2017 [1895]) Sommer in Lesmona
40. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, S 51-56.

 

[Vernon] versucht zu begreifen, wie er seinen iPod am Verstärker anschließen muss, und macht das Radio an. Alex’ Stimme erfüllt das Zimmer. “… et si je dors entre tes bras c’est qu’une autre que toi n’a pas voulu de moi.” Er hat gern sadistischen Schwachsinn gesungen, machte einen auf Gainsbourg für Teenies. Aus den Boxen ergießt sich ein geschmeidiger aquatischer Basssound ins Zimmer — geslappte Noten, die sich zu Blasen runden, ein bisschen funky, aber von fuzzy Riffs verdunkelt. Alex’ Stimme ist auf dieser ersten Platte verächtlich, höhnisch, aggressiv. Sexy, auch für Männer. […]

Vernon ist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Seit er da ist, kommen so viele Erinnerungen hoch. Wenn sie in den Laden kam, machte er ihr hinten sein Büro auf, damit sie heimlich einen Joint rauchen konnte. Oder sie schloss die Tür und legte sich ein paar Lines Heroin, das sie sich damals noch nicht spritzte. […] Während der Schwangerschaft war sie clean, hat aber beim ersten Fläschchen wieder angefangen und erst wirklich in einer Schweizer Klinik aufgehört, als Lancelot lesen lernte. […] [J]etzt, wo Lancelot aus dem Haus ist und ihre Schönheit sowieso den Bach runtergeht — warum soll sie es sich da nicht gut gehen lassen? Sie hat immer von Altenheimen geträumt, in denen man sich seine Medikamente selbst auswählen kann — MDMA, Kokain, Hasch, Morphium oder Crack. Warum sollte man sich nicht die Birne vollknallen, wenn es eh vorbei ist? […]

Mit der abflauenden Euphorie eines Morgens nach dem Koks hatten sie den ganzen Tag in der Wohnung rumgehangen. […] Plötzlich hatte Lydia innegehalten und Vernon besprungen. Im Wortsinn, sie machte einen kleinen Satz auf seinen Rücken und umschlang ihn, eine etwas zu ungeschickte Geste, um ihn zu rühren. Am Anfang gefiel ihm ihre Art, zu küssen, nicht besonders […]. Die Kleine gehörte zur Generation Porno, sie simulierte mit unangenehmer Inbrunst und ließ sich von allen Seiten nehmen. Irgendwann machte es Vernon doch heiß. […] Aber als er abspritzte, empfand er nicht viel. […]

Er hat nie richtig verstanden, womit Gaëlle ihr Geld verdient, sie hat keine feste Wohnung und keine Kinder, hat ihre Funktionsweise nicht geändert, seit sie zwanzig ist. Sie sieht fünfzehn Jahre jünger aus, als sie ist, und meint, das komme daher, dass sie nie Make-up benutzt. Sie ist ein Töchterchen aus gutem Hause. Er hat nicht den Eindruck, dass sie viel Geld hat — der Bierpreis erschreckt sie ebenso wie Vernon. Aber sie hat die Geisteshaltung einer Prinzessin. Verlieren kommt in ihrer Psyche nicht vor. […] Gaëlle schwebt über der Belanglosigkeit des Materiellen. Nichts zu haben hilft ihr, oberflächlich zu bleiben.

Virginie Despentes (2019 [Frz. 2015]) Das Leben des Vernon Subutex, Bd 1
5. Auflage. Kiepenheuer und Witsch, Köln, S 90, 130-131, 204-205, 213.